288 S.
ISBN 9783938803882
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Berlin, April 1933

Beschreibung

Dieses Buch hat mir eine befreundete Buchhändlerin an’s Herz gelegt und sie war sogar so lieb, mir das Buch auszuleihen. Ich habe damit an einem Sonntag begonnen und es in einem Rutsch durchgelesen.

Der Inhalt

Im April 1933, einen Monat nach dem Inkrafttreten des Ermächtigungsgesetztes, kehrt der Rechtsanwalt Dr. Hans Bauer nach einem vier Monate währenden Erholungsurlaub aus der Schweiz zurück nach Berlin. Dort ist er Mitglied einer Anwaltssozietät. Im Zug liest er zum ersten Mal wieder eine deutsche Zeitung, auf deren Titelseite die Meldung über einer Verordnung steht, die nicht – arische Rechtsanwälten auffordert, „einen Antrag auf Ruhen der Zulassung für unbestimmte Zeit einzureichen.“ Bauer hat kurz zuvor festgestellt, daß eine seiner Großmütter Jüdin war – er ahnt, daß er Probleme bekommen wird. Zurück in Berlin ist er schockiert über die Atmosphäre, die mittlwerweile dort herrscht: Gewalt und Bespritzelung sind allgegenwärtig, die Rassengesetze trennt die Bevölkerung immer stärker. Bauers Geliebte Karin ist befreundet mit einem hochrangigen NS – Funktionär, der bereit ist, auf eine buchstabengetreue Auslegung der Gesetze zu verzichten und so zu ermöglichen, daß er weiter in der Kanzlei arbeiten kann. Aber es dauert nicht lange, bis er merkt, daß dieses Entgegenkommen seinen Preis hat, nicht nur einen finanziellen.

Meine Meinung

„Wenn wir über gestern reden sprechen wir von heute und Morgen“

Dieses Motto steht auf der ersten Seite, noch vor dem Titelblatt. Während es dem Verleger Stefan Weidle 1993, als das Buch zum ersten Mal veröffentlicht wurde,  fast ein wenig pathetisch erschien, ist es heute von beklemmender Aktualität. In seinem lesenswerten Nachwort zur Neuauflage 2018 zieht Weidle, der das Buch auch übersetzt hat, Parallelen: Geschlossene Grenzen für Flüchtlinge, aufkeimender Rassismuns, der Vormarsch der Rechtsradikalen – das sorgt dafür, daß man dieses Buch heute nicht mehr als historischen Roman lesen kann, sondern als eine Warnung.

Das, was Felix Jackson, der eigentlich Felix Jochimsen hieß, in seinem Roman beschreibt, beruht auf eigenen Erlebnissen. Manches hat er verdichtet und einige historische Details nach vorne verlegt (er emigrierte beispielsweise erst 1937 endgültig in die USA, Pässe, in denen Juden als zweiter Name Israel oder Sarah eingetragen wurde, gab es erst ab 1938), aber das spielte für mich nur eine untergordnete Rolle. Es gelang ihm schon nach wenigen Seiten bei mir ein Gefühl zunehmender Beklemmung zu erzeugen. Daß die Veränderungen nach der Machtergreifung Hitlers mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit kamen, war mir in dieser Dimension nicht bewußt und das beschreibt Jackson mit großer Eindringlichkeit. Bauer kann es zu Beginn gar nicht begreifen, was da eigentlich passiert, er fühlt sich nicht als Jude, sondern als Deutscher und hegt auch keine besonderen Sympathien für die Juden. Aber das Schicksal von Juden, die er kennt, rückt ihm immer näher: Ein Sozius bringt sich um, Freunde von ihm bringen sich in Gefahr, als sie eine junge Frau, die im nahegelegenen KZ gefoltert werden bei sich verstecken. Bauer kommt mit dem zunehmenden Druck immer weniger zurecht, er fühlt sich krank, sucht im Spiegel nach körperlichen Merkmalen, die ihn als Juden erkennbar machen könnten und beginnt irgendwann auch, seine Aufzeichnungen nicht mehr zu datieren. Das alles ist ist so spannend erzählt, daß ich nicht mehr aufhören konnte zu lesen – hier merkt man die Handschrift des Theatermannes und Regisseurs. Man mag vielleicht kritisieren, daß das Eine oder Andere etwas plakativ daher kommt, aber das spielte für mich keine Rolle.

Lesenswert ist auch das Nachwort von Verleger und Übersetzer Stefan Weidle. In ihm erfuhr ich nicht nur etwas über historische Details und die Biographie des Autors, sondern auch, daß es viel Überredungskunst benötigte, Felix Jackson davon zu überzeugen, das Buch in’s Deutsche übersetzen zu lassen. Das Erscheinen der deutschen Ausgabe 1993 hat er nicht mehr erlebt, er starb 1992.

Fazit: Schon lange hat mich ein Buch nicht mehr so gefesselt und beeindruckt. Es wirkt noch immer in mir nach, gerade weil es aufzeigt, wie schnell sich politische Verhältnisse ändern können. Ein wichtiges Buch, das man auch älteren Jugendlichen in die Hand drücken kann um mit ihnen über das, was sich in unserem Land gerade ändert, zu sprechen. 

Hier können Sie einen Blick in’s Buch werfen

Wenn Sie das Buch lesen möchten, können Sie es in den beiden Vaihinger Buchhandlungen buch+musik oder Vaihinger Buchladen bestellen oder herunterladen. Die Links führen direkt in die jeweiligen Webshops.

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Susanne Martin
Über die Autorin/den Autor
war die Chefin der Schiller Buchhandlung und verantwortlich dafür, daß der Laden lief. Ihre Hauptaufgaben waren neben dem Verkauf die Betreuung der Website und der Social Media Aktivitäten, die Organisation der Veranstaltungen, der Wareneinkauf und die Oberhoheit über die Zahlen. Nach der Schließung der Buchhandlung im Februar 2018 hat sie die Webseite der Buchhandlung in diesen Blog umgewandelt. Sie liest weiter und berichtet über ihre Bucherlebnisse hier.