Die Frau als Mensch, Band 2: Schamaninnen. Ulli Lust zu Gast in der Stadtbibliothek Stuttgart
Die Stadtbibliothek am Mailänder Platz hat ein Faible für Graphic Novels und präsentiert immer wieder einmal interessante Neuerscheinungen und deren Autorinnen.
Bereits im letzten Jahr war Ulli Lust zu Gast und präsentierte den ersten Band ihres Comis „Die Frau als Mensch“, der 2025 mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet wurde. Diesen Termin habe ich leider verpasst, aber als ich hörte, dass sie den zweiten Teil vorstellen würde, war ich sofort dabei. „Schamaninnen“ schaffte es auf die Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse und schreibt die Frühgeschichte des Menschen und die Rolle der Frau darin fort. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe Nomad:innen und ihr Leben: Die Jagd nach Rentieren, die Geburt von Kindern und das Sterben von Alten. Und es wird gezeigt, wie die „Venus von Willendorf“ geschaffen wird, eine 29.500 Jahre alte kleine, nur 11 cm große Venusfigurine, die 1908 in Österreich entdeckt wurde. Sie zeigt eine nackte Frau mit stark ausgeprägter weiblicher Figur, allerdings ohne Gesicht. Aber ist es wirklich eine Göttin oder vielleicht doch eher das Werkzeug einer Schamanin?
Das ist nur eine der Fragen, denen Ulli Lust nachgeht. Im Gespräch mit Markus Pfalzgraf sprach die über ihr großes Interesse an der Archäologie und darüber, wie sie ihre Comics gestaltet: Sie liest viele Grabungsberichte, fährt aber immer wieder auch zu Ausgrabungsstätten und informiert sich vor Ort. Dabei interessiert sie sich besonders die Rolle der Frau, die ihrer Meinung nach im archäologischen Kontext neu bewertet werden muss und auch wird. Sie ist auch der Meinung, das die Bezeichnung „Venus“ eigentlich falsch ist, denn Venus steht für eine göttliche Frau, die Menschen aus der Frühzeit kannten jedoch noch gar keine Götter. Dass Figuren wie die Venus von Willendorf inzwischen in der Archäologie immer öfter als „Frauenstatuetten“ bezeichnet werden ist auch ein Ausdruck für das Umdenken in Hinsicht auf die historische Rolle der Frau.
Bei der Lesung mit Bildern wurde dann auch die besondere Erzählweise von Ulli Lust deutlich: Sie führt verknüpft eigene autobiographische Erfahrungen mit den erfundenen Geschichten der Steinzeitmenschen, wobei diese Fantasie immer auf den aktuellen Forschungsergebnissen basiert. Diese Erzählweise hat mich absolut fasziniert, denn sie holt so die weit entfernte Vergangenheit direkt in unsere Zeit. Auch die Rolle der Schamanen und der Geisterwelt ihrer Nomad:innen hat durchaus Ähnlichkeit mit dem, was ich schon über die geistigen Welten indigener Völker in Nordamerika oder im Norden Europas gelesen habe und verbindet sich so mit unserer Zeit.
Gefragt nach ihrer Technik erklärte Ulli Lust, dass sie alles zuerst einmal mit ganz normalem Bleistift zeichnet. Sie konstruiert dabei Text und Bild immer gemeinsam. Ganz wichtig ist dabei ihr Leuchttisch, an dem sie viele Vorzeichnungen macht. Die Colorierung der fertigen Bilder erfolgt dann am Computer. Die Wurzel von allem ist jedoch das Storyboard.
Es war ein wirklich interessanter und spannender Abend, in dem auch der Humor nicht zu kurz kam. Kein Wunder, dass sich am Büchertisch eine lange Schlange bildete!
In dieser Leseprobe können Sie sich einen Eindruck von der besonderen Erzählweise machen.
Wenn Sie interesse haben, können Sie das Gespräch hier nachhören (Audio, 41:26 Min.)
Die Graphic Novels können Sie beim Vaihinger Buchladen bestellen.








