Diesen Roman empfahl mir eine Freundin, mir war er bisher noch nicht begegnet. Und ich bin dankbar für diese großartige Leseempfehlung!
Lemberg 1941: Die 16jährige Nelka wird nach Norddeutschland verschleppt. Dort muss sie mit anderen Gefangenen auf einem Gutshof arbeiten. Ihr Vater war Apfelbaumwärter und brachte ihr viel über den Apfelanbau bei. Dieses Wissen hilft ihr nun, denn es verschafft ihr zunächst einen gewissen Schutz vor der Gewalt des Gutsverwalters.
50 Jahre später wartet der Gutsebitzer Marten auf einen Besuch: Einige Tage zuvor hat er einen Brief bekommen, in dem Nelka ihm angekündigt, dass sie ihn sehen will…..
Dieses Buch hat mir wirklich sehr gut gefallen. Auf wenig mehr als 200 Seiten erzählt Svenja Leiber ein Lebensschicksal, wie es tausende erlitten haben. Nelka trifft auf ihrem Weg nach Norddeutschland zwei Frauen, die ebenfalls aus Lemberg stammen und die 3 bilden eine Schicksalsgemeinschaft, unterstützen und trösten, stärken sich gegenseitig. Nelka gibt ihr Wissen über den Apfelanbau an den Gutsverwalter Marten weiter, der ihre Anregungen aufgreift und die Plantagen entsprechend umgestaltet. Er bringt sie in seinem Haus unter, gegen den Willen seiner Frau. Zwar lebt es sich dort komfortabler für Nelka als in den Baracken, in denen die Gefangenen untergebracht sind, aber sie weiß genau, dass Marten nicht nur an ihrem Wissen über den Apfelanbau interessiert ist. Aber die Nationalsozialisten hatten strenge Regeln aufgestellt, die verhindern sollten, dass sich Deutsche und ihre Gefangenen näher kamen, vor allem auch körperlich. Und wenn doch einmal eine Frau schwanger wurde, überlebten die Frauen das oft nicht und die Kinder wurden ihnen weg genommen. Nelka möchte Marten nun Jahrzehnte später konfrontieren mit seiner Schuld.
Es geht aber nicht nur um sexualisierte Gewalt gegen Frauen, sondern auch um eine ganz andere Schuld: Marten kann nach dem Krieg dank geschickter Verhandlungen mit den Besatzern das Gut übernehmen und wird dank Nelkas Wissen zum reichten Mann. So war es auch bei vielen anderen Gutsbesitzern: Dank der Zwangsarbeiter:innen konnten sie ihre Höfe weiter betreiben und kamen zu Wohlstand – bis heute wird nicht gerne darüber nachgedacht, wem sie diesen Wohlstand eigentlich zu verdanken haben.
Was mich besonders beeindruckt hat ist, wie Svenja Leiber eine klare, aber auch in gewissem Sinne poetische Sprache findet. So schreibt sie an einer Stelle, als Nelka im Zug nach Westen sitzt: „Ganz allein steht sie da, in ihrem mit Watte gestopften Mantel, in dieser Kleidung des Sozialismus, in der man entweder friert oder schwitzt. In dieser wertlosen Hülle einer gescheiterten Idee.“ Eine wichtige Rolle spielt auch Lemberg und das wechselvolle Schicksal dieser Stadt. Auch dafür benötigt die Autorin keine langen Beschreibungen, aus Lwów (polnisch) wird Lwow (russisch), dann Lemberg und heute ist es Lwiw (ukrainisch). Wie in einem Brennglas spiegelt sich hier die wechselvolle Geschichte Mitteleuropas: Polen, Juden, Russen, Ukrainer, Armenier und Belarussen lebten hier, kamen dazu oder wurden vertrieben.
Für Nelka ist die Reise zu Marten eine Reise zurück in ihre Vergangenheit. Ihr Besuch zwingt aber auch Marten, sich an seinem Lebensende noch einmal der Vergangenheit zu stellen. Neben den Rückblenden, in denen wir Lesende an Nelkas Schicksal teilnehmen, sind immer wieder auch kurze Passagen eingeschoben, in denen wir teilhaben an der widerwilligen Erinnerungsarbeit von Marten. Und letztendlich verkehren sich dann die Rollen, denn Nelka gelingt es, sich von ihren Erinnerungen zu befreien, während Marten den seinen wohl nicht mehr entgehen kann.
Ein wirklich beeindruckendes und sehr lesenswertes Buch!
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