Auf manche Bücher stößt man auf besondere Weise. So war es bei diesem Buch: Eine meiner Cousinen erzählte, dass es da dieses Buch gäbe, das in Wölfelsgrund (früher Niederschlesein, heute Polen) spiele und in dem die Familie vorkäme, mit der unser Opa befreundet war. Die Freundschaft war immerhin so eng, dass sich die Freunde gegenseitig als Paten einsetzten: Bettina Flitners Großvater war der Pate meiner Mutter und mein Opa der Pate ihrer Mutter. Wölfelsgrund war zudem ein Name, der in unseren Familienerzählungen immer wieder vorkam, denn dort war unser Opa, der immer wieder an Tuberkuloseausbrüchen gelitten hat, in dem Sanatorium zur Kur gewesen, das sein Freund geleitet hatte. Mir waren zwar Autorin und Titel bereits begegnet, aber ich hatte mich nicht genauer damit beschäftigt. Aber jetzt war es natürlich klar: Das will sofort gelesen werden!

In ihrem autofiktionalen Roman setzt sich die bekannte Fotografin mit dem Suizid ihrer Mutter auseinander. Für eine Lesung aus ihrem Buch „Meine Schwester“ kehrt Bettina Flitner nach Celle zurück. Dort befindet sich das Familiengrab der Familie, in dem ihre Großeltern, Onkel und Tanten liegen. Und eben auch ihre Mutter, die sich 40 Jahre zuvor umgebracht hat. Sie besucht das Haus, in dem die Großeltern nach der Flucht aus Schlesien gelebt haben, der Großvater praktizierte dort als Arzt. Heute befinden sich Teile der Kreiverwaltung darin. Und da passiert ein Zufall, der vielleicht gar kein Zufall ist, sondern ein Zeichen: In der Poststelle ist an dem Tag ein Brief angekommen, adressiert an ihre Mutter Gisela. Eine Mitteilung der Deutschen Bank über Änderungen an einem Fonds. „Er war in dem einzigen Moment angekommen, in dem er mich erreichen konnte. Nur an diesem Tag, in diesem Augenblick konnte er am Ziel ankommen. Aber ich bin ja gar nicht das Ziel. Oder doch?“ (S.33/34) schreibt Bettina Flitner. Der Brief jedenfalls stößt eine Tür in die Vergangenheit auf und geben ihr den Impuls, sich endlich mit den Fragen zu beschäftigen, die sie 40 Jahre verdrängt hatte. Warum war ihre Mutter so unglücklich, welche Rolle spielte dabei die Familienkatastrophe, von der alle wussten und über die doch kaum gesprochen wurde?

Bettina Flitner reist nach Polen, in den Luftkurort Wölfelsgrund, heute Międzygórze. Dort geht sie den Spuren der Familiengeschichte nach: Ihre Vorfahren hatten dort ein Sanatorium geleitet, zuletzt ihr Großvater, der die Leitung von seinem Schwiegervater übernommen hatte, nachdem dieser zunächst seine unheilbar kranke Frau und dann sich selbst getötet hatte. 1946 wird die Familie vertrieben und findet eine neue Heimat in Celle.

Das Sanatorium in Wölfelsgrund ca. 1944 (©privat)

Ihre Mutter Gisela, genannt Gila, wird 1936 geboren. Sie wächst fast wie eine kleine Prinzessin auf, denn der Vater ist als Sanatoriumsleiter eine wichtige Person in dem kleinen Kurort, wohlhabend und angesehen, Arbeitgeber von vielen. Er hat aber auch ein Verhältnis zu einer anderen Frau. Dass ihre Mutter draunter sehr leidet, spürt Gila intuitiv. Gila ist jedoch auch ein ängstliches Kind, das oft einsam ist und ein besonders inniges Verhältnis zu ihrem älteren Bruder Walter hat. Dass dieser im Krieg fällt, ist für sie nur schwer zu verkraften. Als die Familie 1946 vertrieben wird und in Celle eine neue Heimat findet, ist für Gila klar, dass sie es anders machen will als ihre Mutter. Aber sie wird nicht glücklich in ihrer Ehe, ihr Mann hat Verhältnisse, sie selbst irgendwann auch, aber in keiner Beziehung findet sie den Halt, den sie so dringend benötigen würde. Der Suizid scheint der einzige Ausweg zu sein.

Was für Auswirkungen hatten die Zeit des Nationalsozialismus und die damals sehr patriarchale Erziehung auf ein Mädchen, das sich als Erwachsene vor allem über Männer definiert? Welche Rolle spielen die Depressionen, die es in der Familie in allen Generationen gab? Diese Fragen beschäftigen Bettina Flitner in ihrem Buch. Das Besondere beim Lesen war für mich nicht nur der persönliche Bezug, sondern auch, wie sie von ihrer Familie erzählt. Sie verschränkt mühelos die verschiedenen Zeitebenen, ihre Eindrücke von der Heimat ihrer Familie in Niederschlesien und Begegnungen, die sie dort hat, aber auch persönliche Erinnerungen und Gefühle mit denen ihrer Mutter. Briefe, Aufzeichnungen und Tagebücher ihrer Urgroßmutter und ihres Großvaters bilden die Grundlage für eine besondere Authentizität des Textes. Dabei schimmert bei aller Tragik auch immer wieder Humor durch. Besonders gut hat mir das Ende gefallen, das sie gefunden hat.

Schon lange hat mich kein Buch mehr so bewegt und persönlich gepackt wie dieses, ich musste es nach der ersten Lektüre erst einmal sacken lassen und dann noch einmal lesen. Das lag sicher daran, dass es einen persönlichen Bezug zu Handlung und Ort gab – im Fotoalbum meines Opas konnte ich mir Bilder der Familie anschauen. Vor allem lag es jedoch daran, dass Bettina Flitner diese Familiengeschichte literarisch sehr überzeugend gestaltet hat. Für alle, die ein Interesse daran haben, wie sich persönliche Schicksale und Historie miteinander verbinden, ist dies eine wunderbare Lektüre! 

Wenn Sie Lust bekommen haben, das Buch zu lesen, können Sie es im Vaihinger Buchladen bestellen oder herunterladen. Der Link führt direkt zum Titel im Webshop.

Eine Leseprobe finden Sie hier

In diesem Video (4 Minuten, verfügbar bis 6.9.2027) können Sie die Autorin in einem Gespräch im heutigen Międzygórze sehen