Ein neuer Krimi von Oliver Bottini – darauf habe ich mich wirklich gefreut. Immerhin bin ich dem Autor bei Veranstaltungen der Stuttgarter Kriminächte schon begegnet und schätze seine stets gut recherchierten Bücher sehr. Ich bedanke mich beim DuMont Verlag, der mir für meine Juryarbeit ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

In diesem Thriller hat sich Oliver Bottini ein großes Thema vorgenommen: Cum-Ex und Cum-Cum – einer der größten, wenn nicht gar der größte Steuerskandal der Bundesrepublik, der bis heute nicht ganz aufgeklärt ist. Am Anfang des Romans steht ein Selbstmord: Im Februar 2018 erschießt sich Zaid, Ehemann einer Polizistin und Vater einer Tochter. Kurz danach wird sein Freund und Geschäftspartner Freddy in London überfahren und Erik, der dritte im Bunde wird auf von einem Mafiakiller Capri ermordet – seltsam nur dass am Tatort keine Blutspuren, geschweige denn eine Leiche gefunden wird. Das diese 3 Todesfälle miteinander zusammenhängen müssen, ist Zaids Frau Vera Berg klar. Sie trauert um ihren Mann, muss aber gleichzietig mit der Tatsache fertig werden, dass er einen wesentlichen Teil seines Lebens vor ihr verborgen hat. Sie reist nach Capri, weil sie sich dort Antworten erhofft, auch auf die Frage, wohin ihre pubertierende Tochter nach dem Tod von Zaid verschwunden ist. Zaid, Freddy und Erik – sie waren Studienfreunde. Und sie haben gemeinsam Aktiengeschäfte gemacht, die sich in einer rechtlichen Grauzone bewegten. Als eine Staaatsanwältin auf die drei aufmerksam wird, beginnt alles aus dem Ruder zu laufen….

Mit diesem Thriller ist Oliver Bottini ein wahrhaft vielschichtiger Thriller gelungen. In verschiedenen Handlungsfäden führt er seine Leserschaft immer tiefer in das komplexe Geflecht von Cum-Ex und Cum-Cum hinein – Treuhandverwalter, Beraterunternehmen, Briefkastenfirmen, Unterfirmen. Ausgehend von den drei Freunden, die vor allem die Gier nach immer höheren Profiten tribt, führen Veras Ermittlungen immer tiefer in ein kompliziertes Dickicht aus Finanzunternehmen. Ich gebe zu, mir fiel es da teilweise schwer, zu folgen. Da war ein Dialog auf Seite 200 zwischen Vera und einer Staatsanwältin eine echte Erleichterung für mich:

„Ich dachte, Sie kennen die Ermittlungsakte.“
„Noch nicht gut genug, um alles zu verstehen.“
„Darum ging es bei Cum-Ex, Frau Berg. Konstruktionen schaffen, die Außenstehende nicht durchschauen.“

Danach habe ich mich einfach von der spannenden Handlung leiten lassen und mir verziehen, wenn ich nicht jedes Detail verstanden habe.

Seine Qualität bezieht der Thriller aber nicht nur aus der spannenden Handlung und der exzellenten Recherche, sondern auch aus der Zeichnung der Charaktere. Bei der Buchpremiere in Frankfurt sagte Oliver Bottini, dass er seine Geschichte nicht nur schwarz-weiß erzählen wollte, sondern dass seine Figuren bei all ihren Schattenseiten auch Menschen sind, die von anderen geliebt werden, die Ehemänner und gute Väter sein können. Und das ist ihm sehr gut gelungen. Vor allem bei Zaid, der syrische Wurzeln hat und geprägt ist von seiner Herkunft aus Marxloh, einen Duisburger Brennpunktviertel. Diese Herkunft will er hinter sich lassen und scheint es geschafft zu haben: Er ist glücklich mit Vera und seiner Tochter, in seinem Beruf als Bauingenieur auf einem guten Weg. Er ist aber auch ein Zahlengenie und genau deshalb brauchen Freddy und Erik ihn. Auch die Charaktere von Freddy und Erik sind so gezeichnet, dass sie durchaus sympathisch rüberkommen. Darin lag für mich eine ganz besondere Stärke des Romans: Oliver Bottini schafft es, die Menschen hinter der gigantischen Betrugsmaschine sichtbar zu machen, am Anfang hat das Jonglieren mit Zahlen und Dividenden für die 3 Studienfreunde fast etwas spielerisches und je erfolgreicher sie werden, desto größer wird die Gier nach immer größeren Gewinnen. Vera wiederum ist von Trauer und Schuldgefühlen getrieben. Wie konnte sie nicht bemerken, was Zaid treibt? Warum hat sie nie hinterfragt, woher das viele Geld eigentlich kommt?

Aber Oliver Bottini belässt es nicht bei diesen 3 Hauptfiguren, sondern mit Vera dringen wir immer weiter vor zu den Drahtziehern, die reich werden mit den Geschäften, die Menschen wie Zaid und seine Partner tätigen. Und die sind dann wirklich so richtig unsympathisch.

Ein wirklich toller, sehr gut geschriebener Thriller. Wieder einmal zeigt Oliver Bottini sein großes Können, scheinbar ferne, anonyme Themen herunterzubrechen auf eine sehr menschliche Ebene. Große Leseempfehlung!

Wenn Sie Lust bekommen haben, das Buch zu lesen, können Sie es im Vaihinger Buchladen bestellen oder herunterladen. Der Link führt direlt zum Titel im Webshop.

Eine Leseprobe finden Sie hier