Von Christiane Hoffmann hatte ich das Buch „Alles, was wir nicht erinnern“ als sehr bereichernde Lektüre erlebt. Sie beschreibt darin, wie sie den Fluchtweg ihres Vaters aus Schlesien nachwandert. Als ich nun las, dass es ein neues Buch von ihr gibt, wollte ich das natürlich sofort lesen.

„In der Nacht, als der Krieg beginnt,
ist sie schon tot.“

So beginnt der Prolog. Am 24. Februar 2022 erhält Christiane Hoffmann die Nachricht, dass eine ihrer engsten Freundinnen sich das Leben genommen hat.


„Es heißt, man habe es nicht verhindern können.

Den Krieg nicht und
auch nicht ihren Tod.
Man habe alles getan, heißt es.
Man habe alles versucht.
Da war nichts zu machen.

Doch das ist gerade die Frage.“ 

Genau dieser Frage geht Christiane Hoffmann in ihrem Buch nach. Sie verbindet ihre Erinnerungen an die Freundin, die sie 1989 bei einem Theaterfestival kennenlernte, mit der Geschichte der deutsch-russischen-ukarinischen Geschichte in den Monaten vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion und den Jahren danach. Hätte sie etwas tun können, um den Selbstmord zu verhindern? Und hätten Deutschland, der Westen, vielleicht aber auch sie als Journalistin etwas tun können, um Russlands Überfall auf die Ukraine zu verhindern? Von dieser Fragestellung lässt sie sich dabei leiten.

Die Freundin studierte gemeinsam mit Christiane Hoffmann Slawistik. Während Christiane Hoffmann Journalistin werden will, studiert die Freundin zunächst auf Lehramt, später wechselt sie in das reguläre Slawistik-Studium. Sie schreibt ihre Magisterarbeit über Anna Achmatowa, ebenso ihre Promotion. Und so spielt ganz folgerichtig diese russisch-ukrainische Dichterin immer wieder hinein in dieses Buch. Zur Vorbereitung auf das Schreiben liest Christiane Hoffmann noch einmal die Magisterarbeit der Freundin, sie vertieft sich noch einmal in deren Gedichte, die sie gemeinsam gelesen haben. Sie erinnert sich aber auch an Reisen, die sie zusammen machten, an gemeinsame Tage in Moskau zusammen mit Andrej, dem russischen Künstler, den die Freundin 1994 geheiratet hat. Und sie beschreibt, wie die Freundin ihren Mann, der kurz nach der Hochzeit an multipler Sklerose erkrankt, bis zu dessen Tod pflegt. Danach bricht dann die bipolare Störung auf, die trotz aller Behandlungen den Lebenswillen der Freundin bricht. Hätte sie etwas für die Freundin tun können? Hat sie etwas versäumt? War wirklich nichts zu machen? Diese Fragen werden sich nie beantworten lassen.

Diese persönliche Ebene verknüpft Christiane Hoffmann mit ihren Erinnerungen an ihre Aufenthalte in Russland und der Ukraine in den 1990er und 2000er Jahren. Zunächst als Studentin, später als Korrespondentin der F.A.Z. Eindrucksvoll beschreibt sie, wie der Zusammenbruch der Sowjetunion zunächst alle Menschen mit großen Hoffnungen erfüllte, die jedoch bald enttäuscht wurden, als sich Neoimperialismus und hemmungsloser Kapitalismus Bahn brachen. Diese 1990er Jahre waren die entscheidenden Jahre für das Verhältnis Russlands mit dem Westen. Hätte der Westen andere Wege gehen können? Der Aufbau der Bundesrepublik und die Akzeptanz der Demokratie als Staatsform wurde entscheidend durch den Marschallplan gefördert. Wäre das vielleicht auch ein Modell gewesen, die Demokratie in Russland zu verankern, ansatt die Menschen unvorbereitet dem Kapitalismus auszusetzen? Auch diese Fragen werden sich nie beantworten lassen.

„Im Grunde weiß niemand, in welcher Epoche er lebt.“ zitiert Christiane Hoffmann an einer Stelle Anna Achmatowa. Das ist vielleicht die Essenz aus diesem Buch. So wie Anna Achmatowa zu Beginn des „zweiten Jahrzehnts“ nicht wusste, dass sie kurz vor der Oktoberrevolution und dem ersten Weltkrieg lebte, wusste der Westen nicht, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion zu einem Krieg in Europa führen würde. Ich bin fasziniert den Erinnerungen und Gedankengängen von Christiane Hoffmann gefolgt, habe die kluge Verknüpfung von persönlichem Erleben mit dem profunden Wissen um zeitgeschichtliche Entwicklungen in Osteuropa bewundert und großen Gewinn aus der Lektüre gezogen. Ganz große Leseempfehlung! 

Wenn Sie Lust bekommen haben, das Buch zu lesen, können Sie es im Vaihinger Buchladen bestellen oder herunterladen.

Eine Leseprobe finden Sie hier.

Ein Gespräch mit Christiane Hoffmann im Bayrischen Rundfunk können Sie hier nachhören (Audio, 8,01 Min)