288 S.
ISBN 978-3-257-07124-5
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Rote Kreuze

Beschreibung

Von diesem Roman hörte ich in einer Chatgruppe und er machte mich neugierig, so daß ich es im Vaihinger Buchladen mitgenommen habe, als ich es dort liegen sah.

Der Inhalt

Alexander zieht 2001 in eine Wohnung in Minsk, in der er mit seiner Tochter leben will – seine Freundin ist vor kurzem gestorben und er leidet sehr unter ihrem Verlust. 

Ihm gegenüber wohnt die 91-jährige Tatjana Alexejewna, die ihre Tür mit einem Roten Kreuz gekennzeichnet hat, um ihre Wohnung zu erkennen, denn sie hat Alzheimer. Widerwillig lässt sich Alexander auf die Nachbarin ein und diese erzählt ihm ihre Lebensgeschichte. In ihr spiegelt sich ein großer Teil des russischen 20. Jahrhunderts wider und Geschehnisse, die Jahrzehnte zurück liegen beeinflussen bis heute Tatjanas Leben.

Meine Meinung 

Dieser Roman von dem jungen Autor Sasha Filipenko aus Belarus hat mir gut gefallen. Er erzählt von einem Schicksal in Russland, wie es sicher viele gegeben hat. Tatjana ist glücklich verheiratet, sie und ihr Mann Ljoscha haben eine Tochter. Tatjana arbeitet im russischen Außenministerium, Ljoscha engagiert sich bei einer Organisation, die politische Gefangene unterstützt. Das Paar entgeht den Säuberungen in der zweiten Hälfte der 30er Jahre, aber als der zweite Weltkrieg ausbricht, wird Ljoscha eingezogen und gerät nach kurzer Zeit in Kriegsgefangenschaft. In Gefangenschaft zu geraten kam einem Todesurteil gleich, denn nach einem Befehl Stalins waren Kriegsgefangene Deserteuren gleichzusetzen. Auch das Leben von Tatjana und ihre Tochter ist gefährdet, denn als Ehefrau eines Deserteurs droht ihr ebenfalls die Todesstrafe. Ihre Aufgabe im Außenministerium ist es, die Briefe des internationalen Roten Kreuzes zu übersetzen. Briefe, die zwar gelesen werden, die aber gemäß eines Befehls von ganz oben, nie beantwortet werden. Viele dieser Briefe sind im Original in die Handlung eingebettet. Als Tatjana auf einer Namensliste mit russischen Kriegsgefangenen, die das Rote Kreuz regelmäßig schickt,  den Namen ihres Mannes entdeckt, entfernt sie ihn mit einem Trick von der Liste. Diese Entscheidung wird sie ihr Leben lang verfolgen.

 Als Tatjana beginnt,  Sascha ihre Geschichte zu erzählen, nennt sie sie eine „Biographie der Angst. Ich möchte ihnen erzählen, wie das Grauen einen Menschen unvermittelt packt und sein ganzes Leben verändert.“ Tatjana entgeht letztendlich dem Lager nicht und verbringt dort, getrennt von ihrer Tochter, viele Jahre. Die Lagerszenen schildern die Unmenschlichkeit, aber auch den unbedingten Überlebenswillen der Insassen. Erst viele Jahre nach ihrer Entlassung erfährt Tatjana dann auch vom Schicksal ihres Mannes und ihrer Tochter. 

Mir hat gut gefallen, wie Filipenko diese Geschichte erzählt und auch davon, wie sich zwei Menschen einander annähern, mit denen es das Leben nicht gut gemeint hat. Tatjana begegnet ihrer Krankheit und dem zunehmenden Vergessen mit grimmigem Humor „Gott hat Angst vor mir, zu viele unbequeme Fragen kommen da auf ihn zu“ sagt sie zu Alexander. Auch der aktuellen Regierung in Weißrussland steht sie mit Verachtung gegenüber. Alexander hingegen ist zunehmend berührt von Tatjanas Schicksal und erzählt ihr irgendwann auch das, was ihm widerfahren ist, denn Tatjana ist jemand, die ermessen kann, was er durchgemacht hat.   

Durch das Einbetten originaler Dokumente des Roten Kreuzes gewinnt der Roman eine besondere Glaubwürdigkeit, denn sonst hätte ich es womöglich nicht glauben wollen, wie die russische Regierung mit ihren Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft geraten waren umgegangen ist. Auf der anderen Seite sind die Dokumente teilweise sehr sperrig zu lesen und durchbrechen immer wieder den Erzählfluss. Vielleicht wäre eine andere Lösung, z.B. ein ausführliches Nachwort oder ein Anhang, besser gewesen. Für die Leser*innen in Russland allerdings mag sich das jedoch vielleicht ganz anders darstellen. Auf jeden Fall wird so auch der Titel des Buches „Rote Kreuze“ mehrdeutig, denn es  geht nicht nur um die Kreuze, mit denen Tatjana immer mehr Türen kennzeichnet.

Fazit: Ein Roman, der mir als Leserin ein Stück russischer Geschichte und Gegenwart näher gebracht hat. Sehr lesenswert!

Auf der Seite des Diogenes Verlages finden Sie in den bereitgestellten Materialien für Lesekreise auch ein Interview mit dem Autor

Wenn Sie Lust bekommen haben, das Buch zu lesen, können Sie es in den beiden Vaihinger Buchhandlungen buch+musik oder Vaihinger Buchladen bestellen oder herunterladen.

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Susanne Martin
Über die Autorin/den Autor
war die Chefin der Schiller Buchhandlung und verantwortlich dafür, daß der Laden lief. Ihre Hauptaufgaben waren neben dem Verkauf die Betreuung der Website und der Social Media Aktivitäten, die Organisation der Veranstaltungen, der Wareneinkauf und die Oberhoheit über die Zahlen. Nach der Schließung der Buchhandlung im Februar 2018 hat sie die Webseite der Buchhandlung in diesen Blog umgewandelt. Sie liest weiter und berichtet über ihre Bucherlebnisse hier.