285 S.
ISBN 9783257071214
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Ich bleibe hier

Beschreibung

Dieses Buch war nominiert für das Lieblingsbuch der Unabhängigen Buchhandlungen 2020, das der inhabergeführte Buchhandel während der WUB, der Woche unabhängier Buchhandlungen, kürt. Letztendlich wurde es ein ander Titel, den ich demnächst auch hier vorstellen werde, aber das Buch interessierte mich noch aus einem anderen Grund: Ich war schon einige Male in Sürdtirol und mag die Gegend dort sehr. Zwar waren wir nicht am Reschensee, aber das Bild des im See stehenden Kirchturms ist mir natürlich immer wieder begegnet. Die Aussicht, ein Buch zu lesen, in dem ich auch ein Stück Sürdtiroler Geschichte kennenlerne, reizte mich also und ich freute mich, daß das Buch auf dem Geburtstagstisch lag.

Der Inhalt

Trina ist eine junge Lehrerin und lebt in Graun, einem hübschen Bergdorf im Vinschgau. Doch die Zeiten sind düster. Die von Hitler und Mussolini ausgehandelte «Große Option» zwingt sie, wie alle deutschsprachigen Südtiroler, zu einer Entscheidung: entweder ins Deutsche Reich auszuwandern oder weiter in Italien Bürger zweiter Klasse zu sein. Trina bleibt – obwohl sie in ihrem Dorf nicht als Lehrerin tätig sein darf. Und sie bleibt auch, als nach dem Krieg ihr Dorf einem Stausee weichen soll, einem Energieprojekt, das keine Rücksicht auf Mensch und Natur nimmt.(© Diogenes Verlag)

Meine Meinung

Dieses Buch hat mich fast von der ersten Seite an gefesselt. Der Roman ist in drei Teile eingeteilt, in denen Trina Briefe schreibt an ihre Tochter, von der wir zu Beginn nicht wissen, was mit ihr passiert ist. In diesen Briefen erzählt sie von ihrer Jugend, dem Wunsch, als Lehrerin zu arbeiten, der ihr versagt bleibt, weil sie als Südtirolerin keine Italienerin ist. Sie erzählt von der Abstimmung 1939, in der sich die Bevölkerung entscheiden musste, ob sie nach Deutschland gehen oder in der Heimat bleiben will und die nicht nur das Dorf, sondern auch Trinas Familie spaltet: Schwager und Schwägerin optieren für Deutschland und nehmen die Tochter, die für sich keine Zukunft im Dorf sieht, mit. Nach Kriegsausbruch schließt sich ihr Sohn Michael den Nazis an und meldet sich freiwillig, Trina und Erich fliehen ins Gebirge und warten den Krieg dort ab. Und dann, im dritten Teil des Buches werden die Arbeiten am Staudamm wieder aufgenommen und aller Widerstand ist vergebens.

Trina ist eine widerständige Person, die an ihrer Heimat hängt. Den Verlust ihrer Tochter verkraften sie und ihr Mann sie nur schwer. Während Trina unbändig trauert, will Erich nicht mehr über sie sprechen. Erst spät findet Trina bei ihm ein Heft mit Skizzen, die er von Mari gezeichnet hat.

Mich hat beeindruckt, wie es Balzano gelingt, durch Trinas Worte nicht nur ein persönliches, fiktives Schicksal zu erzählen, sondern gleichzeitig auch von der wechselvollen Geschichte Südtirols: Wie die Bewohner zu Entscheidungen gezwungen werden, bei denen sie nur verlieren können, die Schikanen, denen die Zurückgebliebenen ausgesetzt werden, der Verlust von Identität durch das Verbot, die Muttersprache zu sprechen. Man mag es kaum glauben, wie die letzte Projektphase mit Unterstützung einer Schweizer Firma durchgepeitscht wird und die Dorfbewohner anstelle ihrer Höfe und Felder eine schäbige Unterkunft mit etwas mehr als 34 Quadratmetern bekommen und nie eine Entschädigung erhalten. Aber Trina findet sich auch in dieses Leben, während Erich wenige Jahre nach der Flutung des Dorfes stirbt, im Schlaf. Der Arzt diagnostiziert ein Herzversagen, aber Trina weiß, da ihr Mann erschöpft und im wahrsten Sinne des Wortes „lebensmüde“ war, denn „war nichts mehr von dem, was er sein wollte, und wenn Du nichts mehr wiedererkennst, wirst du rasch lebensmüde.“

Fazit: Ein Buch mit einer starken Hauptfigur und vielen kleinen Szenen, die sich mir eingebrannt haben, atmosphärisch dicht und fesselnd. Wer sich für die Geschichte Südtirols interessiert, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen!

Wikipedia hat die Geschichte des Reschensees und von Südtirol zusammengefasst.

Ein Gespräch, das im Rahmen der WUB mit der Lektorin und dem Autor stattfand, können Sie hier anschauen (Video, 53,08 Min.)

Hier können Sie ins Buch reinlesen

Wenn Sie Lust bekommen haben, das Buch zu lesen, können Sie es in den beiden Vaihinger Buchhandlungen buch+musik oder Vaihinger Buchladen bestellen oder herunterladen. Beide Buchhandlungen haben während des Lockdowns auch einen Lieferservice!

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Susanne Martin
Über die Autorin/den Autor
war die Chefin der Schiller Buchhandlung und verantwortlich dafür, daß der Laden lief. Ihre Hauptaufgaben waren neben dem Verkauf die Betreuung der Website und der Social Media Aktivitäten, die Organisation der Veranstaltungen, der Wareneinkauf und die Oberhoheit über die Zahlen. Nach der Schließung der Buchhandlung im Februar 2018 hat sie die Webseite der Buchhandlung in diesen Blog umgewandelt. Sie liest weiter und berichtet über ihre Bucherlebnisse hier.