„Für die Hilde“ – Eine Hommage an die Lyrikerin Hilde Domin von Hannah Wehrum
Im Februar luden die Stuttgarter BücherFrauen ein zu einer Performance über die Lyrikerin Hilde Domin. „Für Hilde – Die Wolke unter der Wolke“ nennt die Sprechkünstlerin Hannah Wehrum ihre Hommage an die Lyrikerin Hilde Domin, deren Todestag sich am 22.2.2026 zum 20. Mal jährt.
- © Foto Susanne Martin
- Hannah Wehrum (© Foto: Susanne Martin)
Im gut gefüllten Saal der Stadtbibliothek Heslach erwartete das Publikum zunächst eine fast leere Bühne: Einige Bücher standen und lagen auf ihr, dazu ein geschlossener Schrank und eine einzelne Rose auf einem Bücherstapel. Dann betrat Hannah Wehrum die Szene und nahm das Publikum mit in Hilde Domins Leben. Dabei konzentrierte sie sich vor allem auf die Zeit, die sie mit ihrem Mann Erwin Walter Palm im Exil verbrachte: Zunächst in Italien, später dann in England und ab August 1940 bis 1953 in der Dominikanischen Republik. Hier fand sie auch ihren Künstlernamen Domin.
- Der geöffnete Schrank (© Foto: Susanne Martin)
- Die erste Tafel zeugt von glücklichen Tagen (© Foto: Susanne Martin)
- Die zweite Tür zegt den Schmerz und den Ärger (© Foto: Susanne Martin)
- Das Ringen um die richtigen Worte (© Foto: Susanne Martin
Die Ehe mit Palm war nicht immer glücklich, er hatte verschiedene Affären und konnte vor allem nicht ertragen, dass er mit seinem Schreiben nur mäßig erfolgreich war. Als Hannah Wehrum irgendwann den Schrank öffnet, finden sich darin die Dinge, die wichtig sind für Hilde: Bücher, ein Kasten mit Briefen, aus denen sie liest und eine Reiseschreibmaschine als Symbol für den Drang, selbst zu schreiben. In den beiden Schranktüren zwei Tafeln, auf denen sie zunächst einige Zitate aus der glücklichen Anfangszeit der Ehe notiert, später dann auf der anderen Tafel ihrem ganzen Schmerz und Ärger Ausdruck verleiht mit der Empfehlung der Abstinenz und der Definition ihrer Rolle als Sekretärin ihres Mannes.
Aber der Drang, selbst zu schreiben ist stärker und so finden sich auch in den Briefen an Erwin immer wieder Gedichte. Diese Briefe zeugen davon, dass Hilde nicht von Erwin lassen kann, sie dokumentieren aber auch die Konflikte, die das Ehepaar über sie austrägt, auch wenn vieles unausgesprochen bleibt. Nachdem Hilde kurz hintereinander zuerst ihre Mutter und dann ihr zweites ungeborenes Kind verliert, bricht sie zusammen, später arrangieren sich beide in ihrer Ehe. „Ich kam erst 1951 zur Welt“ schreibt sie.
1954 kehrt das Ehepaar nach Deutschland zurück: „Da stand ich auf und ging heim in das Wort. Das Wort aber war das deutsche Wort. Deswegen fuhr ich zurück über das Meer, dahin, wo das Wort lebt.“ – dieses Zitat drückt aus, dass die Sprache ihre Heimat ist. 1957 veröffentlichte sie erste Gedichte in Zeitungen, 1959 erschien ihr erster Gedichtband.
Was sich jetzt so nüchtern liest war eine ergreifende Performance: Auszüge aus Briefen wechselten mit der Rezitation von Gedichten- immer wieder ergänzt durch eine Stimme aus dem off. Durch diese Kombination bekamen manche Gedichte noch einmal eine ganz neue, tiefere Bedeutung. Beispielhaft war für mich das Gedicht „Vogel Klage“, das einen Blick in Hildes Gefühlswelt bietet und gleichzeitig das Ringen um Sprache spürbar macht: „Ein Vogel ohne Füße ist die Klage, kein Ast, keine Hand, kein Nest“ heißt es da und ganz am Schluss: „Ein stummer Vogel, den niemand hört“ (Hilde Domin, Sämtliche Gedichte, S. Fischer Verlag, S. 57)
Nach einer knappen, intensiven Stunde gab es begeisterten Applaus für Hannah Wehrum und Judith Quast, die im Hintergrund die Technik betreute. Ein wunderbar gelungener Abend, nach dem ich die Gedichte von Hilde Domin noch einmal ganz anders lesen werde.












