Rike Reiniger war 2024 Stipendiatin im Stuttgarter Schriftstellerhaus. Sie nutzte ihr 3-monatiges Aufenthaltsstipendium, um an ihrem Romanprojekt über die Trickfilmpionierin Lotte Reiniger zu arbeiten und vor allem zu recherchieren: Lotte Reiniger lebte nämlich in ihren beiden letzten Lebensjahren in Dettenhausen bei Tübingen. Im Tübinger Stadtmuseum befindet sich auch der Nachlass von Lotte Reiniger. Nachdem Rike Reiniger (ihr Mann ist weitläufiger Nachfahre) 2023 unter dem Titel 24 frames/sec bereits ein Theater-Feature über die Pionierin des Trickfilms veröffentlicht hatte wollte sie sich der Biographie dieser wichtigen, jedoch weitgehend unbekannten Trickfilmerin in einem Roman annähern. 2026, genau 100 Jahre nachdem mit ihrem Film „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ der älteste, noch erhaltene abendfüllende Trickfilm Premiere hatte, erscheint nun ihr biographischer Roman.

In insgesamt 7 Teilen greift die Autorin wesentliche Lebensstationen von Lotte Reiniger heraus. Schon als Teenager ist sie fasziniert von der Kunst des Scherenschnitts, dem sie bei einem Ferienaufenthalt im Marienbader Kurpark am Stand eines Scherenschnittkünstlers zum ersten Mal begegnet. Sie besucht die Schauspielschule und lernt dort den Schauspieler und Regisseur Paul Wegener kennen, der sie dabei unterstützt, ihren ersten Animationsfilm herzustellen. Gemeinsam mit Carl Koch, den sie 1921 heiratete, entstehen zahlreiche kürzere Trickfilme, teils auch Werbefilme und 1926 der bereits erwähnte abendfüllende Prinz Achmed, der sie schlagartig berühmt macht. Bei der Premiere in der Berliner Volksbühne ist das who is who der Kulturszene anwesend. In diesem Film wird übrigens am Ende der, wie Lotte Reiniger sagt, „der erste glückliche Kuss zwischen zwei Männern“ in einem Film gezeigt. Das Paar ist Teil der Berliner Kulturszene und muss wie viele andere nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Deutschland verlassen. Es folgen Stationen in London – für Carl auch Paris – und Rom, bevor sie 1943 zu Lottes kranker Mutter zurückkehren. Leben und Arbeit im zerstörten Berlin gestalten sich schwierig und so siedelt Lotte 1948 nach London um, wohin ihr Carl folgt. Gemeinsam arbeiten sie erfolgreich an mehreren Märchenfilmen bis Carl 1963 stirbt.

Mit Lotte Reiniger lernte ich eine interessante Persönlichkeit kennen. Der biographische Stoff bildet den Hintergrund, im Vordergrund steht Lottes Persönlichkeit: Eine Frau, die den unbedingten Willen hat, ihren eigenen Platz in der Filmwelt zu finden und dabei über erstaunliche handwerkliche, aber auch kreative Fähigkeiten verfügt. Sie entwirft sogar einen eigenen Tricktisch, an dem ihre Filme entstehen. Für sie ist schon als junge Frau klar: Sie will arbeiten, eigene Filme drehen, keine Kinder. Und kochen kann sie auch nicht, nicht einmal Bratkartoffeln, wie sie Carl erklärt, als er ihr seinen Antrag macht.

Wir lernen aber auch eine Facette ihrer Persönlichkeit kennen, die sie zeitlebens verschwiegen hat: Ihre Liebe zu Frauen. 3 Frauen begegnen ihr in ihrem Leben, mit denen sie Liebe und Leidenschaft erlebt:  Ihre Schulkameradin Kali, Bryher eine Schriftstellerin in London mit engen Kontakten in die Filmwelt und Elsbet Schulz, mit der sie im Nachkriegsberlin ein Schattentheater gründet. Im Nachlass fand Rike Reiniger Briefe, die von diesen großen Lieben erzählen. „Fundstücke“ nennt sie diese Briefe. Andere Fundstücke, die in den Text eingestreut sind, sind Zeitungsartikel oder Ausschnitte aus Programmen. Sie verleihen dem Text eine besondere Authentizität.

Von all dem erzählt Rike Reiniger mit leichter Hand und zeichnet das Bild einer begabten, lebensfrohen Frau, die konsequent ihren Weg geht und sich auch von Widerständen nicht aufhalten lässt. Ihre Leidenschaft galt den Frauen – ihr Lebenskamerad jedoch war ihr Mann Carl. „Die Liebe so oder so“ heißt es an einer Stelle.

Eine wirklich lesenswerte Romanbiographie, die ein Stück Filmgeschichte lebendig werden lässt und dabei wunderbar die Balance hält zwischen Fiktion und Sachebene.

Übrigens: 1963 endet zwar die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit Carl, nicht aber Lotte Reinigers Leben: In den 1970er Jahren kehrt sie nach Deutschland zurück, wo sie mittlerweile fast vergessen ist. Immerhin erhält sie 1972 das Filmband in Gold, 1980 das Bundesverdienstkreuz und 2024 posthum den „Annie-Award“, einen Filmpreis für Animation für ihr Lebenswerk. Lotte Reiniger stirbt 1981 in Dettenhausen, wo sie auch beerdigt ist. Darauf geht Rike Reiniger jedoch nur noch in einem wenige Seiten langen Epilog ein. Sie stellt Lotte Reinigers Lieben – so oder so – in den Mittelpunkt ihrer Romabiographie.

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Eine schönen Beitrag mit Filmausschnitten finden Sie hier (Video, 5 Min., verfügbar bis 28.2.2028)