160 S.
ISBN 9783446259966
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Eine gewöhnliche Familie

€ 18,00Versandkostenfrei
€ 13,99
Beschreibung

Der Roman „Schnell, dein Leben“ hatte mir sehr gut gefallen, obwohl ich eigentlich kein unbedingter Fan von französischer Literatur bin. Umso gespannter war ich auf den neuen Roman von Sylvie Schenk, der unterm Weihnachtsbaum lag und den ich jetzt endlich gelesen habe.

Der Inhalt

Céline und ihre drei Geschwister treffen sich in Lyon zur Beerdigung von Onkel Simon und Tante Tamara, die nacheinander innerhalb von 3 Stunden gestorben sind. Mit ihnen kommen auch ihre Cousinen und Cousins sowie eine Tante zur Trauerfeier. Schon vor der Trauerfeier wird klar: Das Testament, das Céline und ihre Geschwister zu Haupterben machte, ist verschwunden, es existiert nur noch eine Kopie. Und so wird dieser Tag der Trauer auch ein Tag der Auseinandersetzung.

Meine Meinung

Wenn ich sage, daß ich nicht unbedingt Fan französischer Litertaur bin, dann bezieht sich das auf eine ganze Reihe von Leseerlebnissen, bei denen ich, unabhängig von der Qualität des Gelesenen, kaum einen emotionalen Zugang zu den handelnden Personen bekam. So erging es mir leider auch bei diesem Buch.

Dabei entfaltet Sylvie Schenk gekonnt ein Geflecht von Beziehungen und Emotionen der verschiedenen Familienmitglieder. Ich denke, auch hier fließen eigene Lebenserfahrungen ein, die auch schon in „Schnell, dein Leben“ Thema waren: Das Schicksal der „kleinen“ Mutter von Céline, Aline, Pauline und Philippe, die als Adoptivkind von der Familie ihres Mannes nie aktzeptiert wurde und an Krebs stirbt. Auch das gesellschaftliche Gefälle zwischen der Familie von Céline und dem der Familie aus Lyon spielt wieder eine Rolle: Ernest, der Vater von Céline und ihren Geschwistern, ist ebenso Zahnarzt wie sein kinderloser Bruder Simon, allerdings hat Ernest seine Praxis in einem kleinen Ort in den französischen Alpen und ist finanziell deutlich schlechter gestellt als Simon, der in einer edlen Praxis in Lyon residiert.

Vor allem für Pauline, der dritten Tochter von Ernest und Suzanne, ist der Onkel wie ein heimlicher Vater. Sie hilft auch bei der Betreuung des alten Paares bis zu dessen Tod und verspürt deshalb einen besonderen Anspruch auf das Erbe, das sie, im Gegensatz zum anderen Teil der Familie, auch deutlcih dringender braucht. Céline, aus deren Perspektive der Roman erzählt ist, sieht Onkel und Tante deutlich distanzierter. Sie ist allerdings auch am weitesten entfernt von den Geschwistern, denn sie war verheiratet mit einem Deutschen und blieb nach der Trennung in Deutschland, wo sie als Dolmetscherin arbeitet.

Den Rahmen für den Roman bildet der Tag der Beerdigung und Sylvie Schenk nutzt ihn, um zu zeigen, wie durch den Tod von Onkel und Tante auch alle familiären Bindungen in neuem Licht erscheinen und in Frage gestellt werden. Bereits auf der Fahrt von Frankfurt nach Lyon erinnert sich Céline zurück an ihre Kindheit, an ihre Geschwister, an die Eltern. Und in den nachfolgenden Stunden lernen wir nach und nach die Verwandten kennen und gleichzeitig deren Charaktere und Schwächen. Dafür genügen Sylvie Schenk stets wenige kurze Abschnitte und wieder erweist sie sich als eine Meisterin der knappen und verdichteten Darstellung.

Leider blieben mir alle Personen fern, zu keiner, auch nicht zu Céline, konnte ich irgendeinen Zugang finden. Aber das soll vielleicht auch so sein, denn umso deutlicher wurde mein Blick darauf gelenkt, wie fragil familiäre Bindungen sein können und wie sehr die Lücken, die beim Tod der Elterngeneration entstehen, diese Bindungen verändern oder gar zerstören können. Etwas, was völlig normal ist und was auch diese Familie zu einer ganz gewöhnlichen macht.

Fazit: Auch wenn ich mit den Personen nicht warm wurde habe ich doch die literarische Kunstfertigkeit von Sylvie Schenk bewundert. Erneut gelingt es ihr, auf gerade einmal knapp 160 Seiten eine vielschichtige Familiengeschichte mit all ihren Untiefen zu erzählen. Lesenswert!

Hier können Sie einen Blick in’s Buch werfen

In diesem kurzen Gespräch spricht Sylvie Schenk über ihr Leben als Französin in Deutschland und darüber, warum es ihr gelingt, für ihre Geschichten eine so knappe und dichte Sprach zu finden (Audio, 3:02 Min)

Wenn Sie Lust bekommen haben, das Buch selbst zu lesen, können Sie es in den beiden Vaihinger Buchhandlungen buch+musik oder Vaihinger Buchladen zur Abholgung oder zum Download bestellen. Die Links führen direkt in die jeweiligen Webshops.

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Susanne Martin
Über die Autorin/den Autor
war die Chefin der Schiller Buchhandlung und verantwortlich dafür, daß der Laden lief. Ihre Hauptaufgaben waren neben dem Verkauf die Betreuung der Website und der Social Media Aktivitäten, die Organisation der Veranstaltungen, der Wareneinkauf und die Oberhoheit über die Zahlen. Nach der Schließung der Buchhandlung im Februar 2018 hat sie die Webseite der Buchhandlung in diesen Blog umgewandelt. Sie liest weiter und berichtet über ihre Bucherlebnisse hier.