126 S.
ISBN 9783857878121
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Deutschlands Himmel

Beschreibung

Auf dieses Büchlein wurde ich durch einen Instagrampost aufmerksam, in dem zur Diskussion darüber aufgerufen wurde. Ich wurde neugierig und habe es mir bestellt.

Der Inhalt

Yvette Z’Graggen wächst Anfang der 1920er Jahre als Tochter eines Deutschschweizers aus einem kleinen Bergdorf in Genf und einer Schweizerin mit österreichischen Wurzeln in der französischen Schweiz auf. Ihre Eltern hören 1922 auf, Deutsch miteinander zu sprechen, nachdem sie bei einem Urlaub in Italien feindselig behandelt wurden – zu tief sind die Ressentiments, die auf einer schweren Niederlage der Italiener gegen die deutsch-österreichische Armee fußen. Für Vater und Mutter bedeutet der Wechsel in die französische Sprache eine Entfremdung von ihren Wurzeln, Yvette jedoch beginnt als Jugendliche sich intensiv mit der deutschen Sprache zu beschäftigen. Sie ist ein verträumtes junges Mädchen, das erste Schreibversuche unternimmt und in Genf einen jungen Deutschen kennenlernt. Mit ihm verbindet sie eine jahrelange Brieffreundschaft, die erst 1950 ein Ende findet. Yvette wendet sich ab von Deutschland und erst über 30 Jahre später nähert sie sich wieder an an unser Land.

Meine Meinung

Diesen schmalen autobiographischen Roman habe ich gerne gelesen. Auf nur 126 Seiten erzählt Yvette Z’Graggen wesentliches. Ich fand vor allem interessant, etwas über die Deutsche Geschichte aus Schweizer Perspektive zu lesen. In den Jahren vor Kriegsausbruch erlebt die Autorin als Jugendliche Hitlers Aufstieg hauptsächlich im Radio. In Genf trifft sie immer wieder deutsche Studenten, mit denen sie unbeschwerte Stunden verbringt. Aber sie ist auch auf der Suche nach sich selbst und fasziniert von Kinofilmen. Mit Herbert, dem jungen Mann, den sie wenige Tage vor Kriegsausbruch in einem Genfer Museum kennenlernt, verbringt sie nur 2 Wochen, in denen sie ihm die Stadt zeigt, aber nach seiner Rückkehr beginnt er ihr zu schreiben. Zunächst kann er weiter studieren, aber dann wird er eingezogen und kommt nach Russland und später in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Rückkehr nehmen sie ihren Briefwechsel wieder auf. Herbert interessiert sich sehr für Yvettes erste Versuche als Autorin und nimmt Anteil an ihren Problemen. Aber die Freundschaft wird brüchiger, die Lebensumstände in Deutschland sind hart, während es den Menschen in der Schweiz gut geht, Yvette kann reisen, besucht Rom, Florenz und Paris, kommt aber trotz mehrmaligen Einladungen nie nach Deutschland und so schläft die Freundschaft irgendwann ein.

Erst Ende der 70er Jahre ändert sich Yvette’s Verhältnis zu Deutschland durch die Freundschaft mit einem Deutschen. Sie beginnt sich intensiv mit deutscher Literatur und Filmen sowie der Geschichte des deutschen Widerstandes zu beschäftigen. Ihre Beschreibungen über den deutschen Widerstand bilden den Mittelteil des Buches. Als Deutsche waren mir die Ereignisse natürlich bekannt, aber das Betrachten und Reflektieren aus der Sicht einer Außenstehenden hat mich sehr gefesselt.

Literarisch hat mich das Buch überzeugt, obwohl mir der Einstieg nicht ganz leicht gefallen ist. Auch die Übersetzung aus dem französischen von Regula Renschler ist sehr gelungen. Die Autorin mischt persönliche Erinnerungen mit dem Stil einer Reportage (im Mittelteil des Romans). In den persönlichen Erinnerungen blickt sie als ältere Frau zurück auf die junge Frau, die sie war und deren Verhalten ihr im Rückblick nicht immer erklärlich ist. Auch Herbert, so merkt sie, hat sie in seinem Wesen und seinen Bedürfnissen vielleicht nie  verstanden. Aber eine späte Versöhnung wird es nicht geben, weder sie, noch wir LeserInnen fahren, was nach dem Abbruch des Briefwechsels aus ihm geworden ist. .

Fazit: Ein stilles, aber dennoch spannendes Buch, das mich beschäftigt hat!

In der „Zeit“ ist ein schöner Artikel über Yvette „Z’Graggen erschienen, den Sie hier nachlesen können.

Hier können Sie einen Blick in’s Buch werfen 

Wenn Sie Lust bekommen haben, das Buch zu lesen, können Sie es in den beiden Vaihinger Buchhandlungen buch+musik oder Vaihinger Buchladen bestellen oder herunterladen. Die Links führen direkt zum Titel in den jeweilige Webshops.

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Susanne Martin
Über die Autorin/den Autor
war die Chefin der Schiller Buchhandlung und verantwortlich dafür, daß der Laden lief. Ihre Hauptaufgaben waren neben dem Verkauf die Betreuung der Website und der Social Media Aktivitäten, die Organisation der Veranstaltungen, der Wareneinkauf und die Oberhoheit über die Zahlen. Nach der Schließung der Buchhandlung im Februar 2018 hat sie die Webseite der Buchhandlung in diesen Blog umgewandelt. Sie liest weiter und berichtet über ihre Bucherlebnisse hier.