272 S.
ISBN 9783498002084
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Der Hochsitz

Beschreibung

Ein neues Buch von Max Annas – das wollte ich gerne lesen, denn ich finde ihn einen ausgesprochen interessanten Krimiautor. Seine beiden Romane über die Morduntersuchungskommission, angesiedelt in den 80er Jahren der ehemaligen DDR, gefielen mir gut. Ich bedanke mich beim Rowohlt Verlag, der mir erneut ein Rezensionsexemplar zu Verfügung gestellt hat!

Der Inhalt

Dieser Roman hat eine Fülle verschiedener Perspektiven und es ist gar nicht so einfach, eine Inhaltsangabe zu schreiben. Deshalb greife ich auf den Text des Rowohlt Verlages zurück, der mich selbst auch so angesprochen hat, daß ich sofort Lust bekam, das Buch zu lesen. Vielleicht geht es Ihnen ja genauso!

1978, ein Dorf in der Eifel: Sanne und Ulrike haben Osterferien. Wenn sie nicht auf dem Hof helfen müssen, düsen sie mit ihren Fahrrädern durch die Gegend und kriegen alles mit. In zwei Monaten ist Fußball-WM, die Mädchen bekommen aber einfach nicht genug Hanuta-Bilder für ihre Sammelalben. Also schneiden sie ein paar Männerköpfe aus dem Fahndungsplakat in der Post. Denn das ganze Land ist gerade in Aufruhr über drei Buchstaben. RAF. Und dann geschieht tatsächlich ein Bankraub. Festgenommen wird der einzige Langhaarige im Dorf. Dass er es nicht gewesen sein kann, wissen Sanne und Ulrike genau. Und sie wissen noch viel mehr, Sachen, die nicht nur die Polizisten in der nächsten Kleinstadt interessieren würden … (© Rowohlt Verlag)

Meine Meinung

Zu Beginn fiel es mir schwerer als gedacht, in die Geschichte reinzukommen. Das liegt an der Form, die Max Annas gewählt hat: Die beiden Hauptpersonen sind zwar wie erwartet Sanne und Ulrike, aber es gesellen sich eine Vielzahl weiterer Perspektiven hinzu: Da gibt es einen Chauffeur, der einen Mann zu verschiedenen Höfen fährt und der nicht weiß, was sein Fahrgast dort eigentlich möchte. Der Ortspolizist hat seine eigene Auffassung von seinen Pflichten genauso wie der Grenzpolizist, der nicht jeden, der aus Luxemburg Zigaretten schmuggelt, aus dem Verkehr zieht. Frau Teichert kommt über den Unfalltod ihres Sohnes nicht hinweg und stürzt sich regelmäßig in den Dorfbach. Zwei Frauen, die in einem Opel Ascona unterwegs sind, suchen nach einer Möglichkeit, unauffällig über die Grenze nach Luxemburg zu kommen.

Und dann ist da natürlich Sanne, die erzählt, und ihre beste Freundin Ulrike. Sie sind zwei aufgeweckte Mädchen, die sich auf die Osterferien freuen, in denen sie viel Zeit haben werden, durch das Eifeldorf und seine Wälder zu streunen. Sanne lebt auf einem Bauernhof, hat 3 ältere Brüder, die sie kaum beachten (und wenn, dann piesacken sie sie). Wie die Jungen interessiert sie sich für die Fussaball WM, aber während die Brüder für die WM ein Extra-Taschengeld bekommen, um die Bilder für’s Sammelalbum zusammen zu bekommen, gibt es das natürlich für Sanne nicht. Ist doch klar, daß sie dann bei den Brüdern gucken muss, wenn die nicht da sind und bei Trine die eine oder andere Hanuta-Packung mitgehen lassen, wenn die grade mal nicht hinschaut. Sanne und Ulrike bekommen auf ihren Streifzügen sehr viel mit und ihr Lieblingsplatz ist der Hochsitz im Wald, von dem aus man hinüber blicken kann nach Luxemburg und auch sonst noch so allerlei beobachten. Dass der langhaarige Lehrling nicht der Bankräuber ist, der in der nahen Kleinstadt zuschlug, wissen sie sofort. Und als sie dann nachts zufällig beobachten, wie eine geheimnisvolle Gestalt einen Motorradfahrer erschießt und niemand ihnen glaubt, ist ihnen klar, daß sie rausbekommen müssen, wer in dem schwarzen Anzug und dem merkwürdigen Hut steckte.

Diese Erzählkonstruktion erfordert ein sehr genaues Lesen, denn das, was Sanne und Ulrike aus ihrem kindlichen Erleben erzählen, wird ergänzt durch die anderen Perspektiven und so blicken wir wie durch ein Kaleidoskop auf ein Dorf, in dem sich viele nicht grün sind und es so manches dunkle Geheimnis gibt. Wir wissen zum Beispiel sehr wohl, daß der geheimnisvolle Fahrgast einigen Bauern völlig überhöhte Preise für ihre Höfe bietet, aber warum, das erfahren wir erst spät und die Dorfbewohner vermutlich nie. Am Ende des Buches treibt Max Annas sein mehrstimmiges Erzählen auf die Spitze und löst einen der Handlungsfäden sehr pfiffig auf.

Was mir richtig gut gefallen hat, ist die Atmosphäre der späten 70er Jahre, die Max Annas ganz toll eingefangen hat. Die beiden aufmüpfigen Mädchen, die sich ganz unauffällig wehren gegen die ihnen zugedachte Rolle der braven Tochter oder Schwester sind wunderbar gezeichnet, die politisch aufgeladene Zeit wird nur beiläufig erwähnt, ist aber trotzdem die ganze Zeit, oft in keinen, fast nebensächlichen Szenen präsent. Es klärt sich beileibe nicht alles auf und was sich aufklärt, wird nicht wirklich erklärt. Manchmal habe ich mich sogar gefragt, ob ich eigentlich gerade einen Krimi lese oder einen Roman. Auf dem Cover des Buches, das ich übrigens für ausgesprochen gelungen halte, steht Roman, aber ein Krimi ist es irgendwie trotzdem. Also, Sie merken schon – es war eine ausgesprochen interessante Lektüre für mich!

Fazit: Wer sich für Zeitgeschichte interessiert und auf die vielstimmige Erzählweise einlässt, wird mit einen tollen Leseerlebnis belohnt. Von mir ein klare Leseempfehlung!

Auf der Seite des Rowohlt Verlages finden Sie ein Interview mit dem Autor und eine Leseprobe.

Eine schöne Rezension von Thomas Wörtche können Sie auf CULTURMAG nachlesen

Wenn Sie Lust bekommen haben, das Buch zu lesen, können Sie es in den beiden Vaihinger Buchhandlungen buch+musik oder Vaihinger Buchladen zur Abholung oder zum Download bestellen. Die Links führen direkt in die jeweiligen Webshops.

 

 

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Über die Autorin/den Autor
war die Chefin der Schiller Buchhandlung und verantwortlich dafür, daß der Laden lief. Ihre Hauptaufgaben waren neben dem Verkauf die Betreuung der Website und der Social Media Aktivitäten, die Organisation der Veranstaltungen, der Wareneinkauf und die Oberhoheit über die Zahlen. Nach der Schließung der Buchhandlung im Februar 2018 hat sie die Webseite der Buchhandlung in diesen Blog umgewandelt. Sie liest weiter und berichtet über ihre Bucherlebnisse hier.