603 S.
ISBN 9783803132963
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Alle, außer mir

€ 26,00Versandkostenfrei
€ 23,99
Beschreibung

Dieser Roman war das Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels 2018 und lag bei mir unter dem Weihnachtsbaum. Eine Woche Kurlaub im März war der perfekte Anlass, mich in diesen anspruchsvollen Familien- und Gesellschaftsroman zu versenken.

Der Inhalt

Auf der Treppe vor der Wohnung der 46jährigen Lehrerin Ilaria Profeti in Rom sitzt ein junger Mann aus Äthiopien, der behauptet, ihr Neffe zu sein. In seinem Ausweis steht Shimeta Ietgmeta Attilaprofeti. Attila Profeti, das ist der Name von Ilarias Vater, von dem der junge Afrikaner behauptet, es sei sein Großvater. Attila jedoch kann Ilaria keine Auskunft mehr geben, er ist dement und erkennt kaum mehr seine 4 Kinder aus zwei Ehen.

So muss Ilaria selbst versuchen, was dran ist an der Aussage ihres Neffen. Sie taucht tief ein in ihre Familiengeschichte und gleichzeitig in ein dunkles Kapitel italienischer Geschichte, in den Italienisch – Äthiopischen Krieg und die anschließende Besatzung des Königreiches durch die Italiener.

Die Hauptpersonen

Der Roman wird weitgehend aus der Perspektive von Ilaria erzählt, einer 46 jährigen Lehrerin, die in einer Wohnung in Equilin lebt. Ilaria hat noch 3 Brüder, der jüngere, Attila, lebt ebenfalls in dem Haus und hat eine andere Mutter, denn ihr Vater hatte jahrelang eine Zweitfamilie. Ilaria und Attila nehmen den jungen Flüchtling bei sich auf und erfahren von nach und nach seine Geschichte: Über Lybien floh er nach Lampedusa und hofft, daß seine Familie ihn vor der Abschiebung retten kann.

Ilaria weiß nur, daß ihr Vater während des Krieges in Äthiopien war und sie beginnt zu recherchieren, was genau ihr Vater dort eigentlich gemacht hat. In der Bibliothek findet sie faschistische Schriften ihres Vaters – bisher war die Familie der Meinung gewesen, Attila hätte sich den Partisanen angeschlossen.

Was genau Attila in Äthiopien gemacht hat, erfahren wir dann aus seiner Perspektive. Er war zunächst damit beschäftigt, die Briefe Soldaten, die zu genau von den Gräueltaten der italienischen Invasoren berichteten, zu zensieren. Dann jedoch kam er zu der Einheit eines italienischen Anthroplogen, der unter den Afrikanern anthropometrische Messungen vornahm. Wie viele andere Intaliener auch, hatte er eine äthiopische Geliebte, mit der er kurz vor seiner Rückkehr nach Italien 1940 einen Sohn zeugte. Zwar weiß er von diesem Kind, aber er ignoriert es und erst Mitte der 80er Jahre, als er durche einen Mittelsmann erfährt, daß sein Sohn als politischer Gefangener im Gefängis sitzt, nutzt er alte Verbindungen, um ihn zu befreien.

Meine Meinung

Dieses Buch ist nicht ganz einfach zu lesen und ich war froh, daß ich richtig viel Zeit am Stück hatte, um mich voll darauf einlassen zu können. In verschiedenen Perspektivwechseln erleben wir die Gegenwart, aber auch die Zeit der 30er und 40er Jahre sowie späterer Jahrzehnte in Italien, Äthiopien und Lybien mit.

Francesca Melandri erzählt weit mehr als einen Familienroman,  dies ist auch ein Roman über die italienische Gesellschaft, über verdrängte Vergangenheit, Kolonialismus und Faschismus. Attila Profeti ist ein Opportunist, der mit großem Geschick und viel Glück ohne große Verletzungen durch’s Leben kommt. Völlig auf sich bezogen hat er jahrelang 2 Familien, als seine Erstfamilie dahinter kommt, lässt er sich scheiden und heiratet die Mutter seines 4. Kindes. In Äthiopien versucht er zwar, möglichst Gewalt zu verhindern, aber nicht etwa, weil er sich um die Menschen sorgt, sondern weil er Gewalt einfach nicht mag.

Besonders unter die Haut gingen mir die Szenen in Äthiopien: Die unglaubliche Arroganz der Faschisten und ihrer Menschensicht, die Brutalität, mit der sie die Äthiopier unterdrückten. Geschickt schlägt die Autorin dabei auch den Bogen in die heutige Zeit: Der Faschismus wird in Italien immer noch verherrlicht, die Kolonialzeit ist verdrängt und nie aufgearbeitet – ein Nährboden für die aktuellen politischen Entwicklungen. Aber auch die Fluchtgeschichte von Attila’s Enkel ist bedrückend und letzendlich eine Spätfolge des europäischen Kolonialismus.

Fazit: Ein unglaublich vielschichtiger, dichter Roman, dessen Lektüre mich sehr bereichert hat und der noch lange nachhallt!

In der Presse wurde der Roman sehr positiv aufgenommen

In diesem Video spricht Francesca Melandri über ihren Roman (6:30 Min)

Wenn Sie Lust bekommen haben, das Buch zu lesen, können Sie es in den beiden Vaihinger Buchhandlungen buch+musik oder Vaihinger Buchladen bestellen. Die Links führen direkt in die jeweiligen Webshops.

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Über die Autorin/den Autor
Von 1976 bis 2018 war ich im Buchhandel tätig und von Oktober 1995 bis Februar 2018 die Inhaberin der Schiller Buchhandlung, die ich zuvor fast 5 Jahre als Geschäftsführerin geleitet  habe. Ein Leben ohne Bücher ist für mich auch nach der Schließung meiner Buchhandlung unvorstellbar. Deshalb schreibe ich in der Rubrik "Buchtipps" weiter über meine Lektüreeindrücke. Meine bevorzugten Bücher sind vor allem Krimis, die ich für meine Arbeit als Jurymitglied der "Stuttgarter Kriminächte" regelmäßig lese. Ich lese außerdem literarisches und spannende Unterhaltungsromane. Inzwischen habe ich auch das Hörbuch für mich entdeckt und schaue immer noch gerne in Kinder- und Jugenbücher rein.