Nachdem Wolfgang Schorlau in seinem letzten Buch „Black Forest“ tief in die Vergangenheit seines Ermittlers Dengler eingetaucht war, drängte sich Olga vor, die Lebensgefährtin von Georg Dengler, die, wie die Leser:innen, die die Reihe regelmäßig lesen, wissen, immer wieder für längere Zeit spurlos verschwindet. Dengler wusste nie, was sie in dieser Zeit tat und wo sie war, Kontakt gab es zwischen den beiden in diesen Phasen nie. Jetzt wollte Wolfgang Schorlau selbst doch auch gerne wissen, was sie in dieser Zeit treibt und so steht sie im ersten Teil des neuen Romans im Mittelpunkt.
Wir folgen Olga nach Rumänien, ihre Heimat, wo sie einem Familientrauma nachgeht und zum ersten Mal eine Spur findet, die direkt nach Ostdeutschland führt. Dort steht eine Autofabrik, deren Besitzer ein amerikanischer Techmilliardär ist und in dem die Arbeitsbedingungen umenschlich sind. Olga heuert als Arbeiterin am Band an, Dengler wird zum Personenschützer des Werksleiters. Als eine Betriebsratswahl ansteht, versucht die Werksleitung alles, um zu verhindern, dass eine deutsche Gewerkschaft Kandidat:inen aufstellt, die versuchen könnten, deutsches Arbeitsrecht durchzusetzen. Die Situation eskaliert, als bei einer großen Werksversammlung, bei der auch der amerikanische Boss da ist, eine leblose blonde Frau aus der neuen Karosseriepresse gezogen wird…..
Vorne auf dem Cover steht wie immer „Thriller“. Ein klassischer Thriller ist dieser Dengler-Roman in meinen Augen nicht, denn die Leiche taucht erst auf Seite 268 (von 336 Romanseiten) auf. Ein typischer Schorlau ist es dennoch, denn es ist ein hochpolitischer Roman. Auch wenn keine Namen genannt werden, weiß man natürlich sofort, welches Werk und welche Automobilfirma gemeint sind. Das Werk ist real, die Arbeitsbedingungen sind sorgfältig recherchiert und eindringlich beschrieben. Der große amerikanische Boss, im Roman nur Hyper1 genannt, hält vor der Belegschaft eine Rede, die demokratieverachtender nicht sein könnte und in der unverhohelen ausgesprochen wird, was auf der politischen Agende der aktuellen amerikanischen Regirung steht: „Macht entsteht dort, wo Rechenzentren gebaut werden. Wo Halbleiter antwickelt werden. Wo Satelliten gestartet werden. Dort wird entschieden, wer in dreißig Jahren die Welt kontrolliert.“ (S. 258) In so eine Welt passen natürlich auch keine Betriebsräte, die sich für faire Arbeitsbedingungen einsetzen und Wolfgang Schorlau beschreibt detailreich, mit welchen Methoden gearbeitet wird, um die Belegschaft einzuschüchtern und zu zwingen, die Kandidaten zu wählen, die auf Linie sind.
Wer jetzt aber denkt, der Roman ist eine investigative Reportage, der irrt. Denn da ist ja noch Olga mit ihren Recherchen. Denn Olga hatte einen Bruder, der als Kind spurlos verschwand, als sie eine Viertelstunde nicht auf ihn aufgepasst hat. Ihre Mutter kann ihr diesen Fehler nicht verzeihen und so sucht sie immer, wenn sie in Rumänien ist, nach einer Spur von ihm. Und dieses Mal kommt es zu einer Aussprache mit der Mutter, in der sie einen entscheidenden Hinweis bekommt, was passiert sein könnte. Das Familiendrama hat also durchaus eine kriminelle Seite. Irgendwann offenbart sie sich Dengler und beide folgen der Spur, die sie letztendlich in das Werk führen wird.
Ich habe auch diesen Dengler gerne gelesen, er ist spannend und ermöglichte mir tiefe Einblicke in eine Welt, von der ich nur diffuse Vorstellungen hatte. Das war immer die besondere Stärke der Thriller von Wolfgang Schorlau und auch dieser Roman hat meine Erwartungshaltung in dieser Hinsicht absolut erfüllt. Ein interessantes Nachwort des ehemaligen Baden-Württembergischen Verkehrsminiters Winfried Hermann zur aktuellen Krise der Autoindustrie war für mich eine wertvolle Ergänzung zur fiktiven Handlung.
Mir gefällt es außerdem, wenn Autor:innen von den gewohnten Mustern in Reihen abweichen. Trotzdem habe ich mich gefragt, ob Wolfgang Schorlau, nachdem er nun seinen beiden Hauptfiguren so nahe gekommen ist, einen Abschluss der Reihe plant und ob und wieviele Fälle es für Georg Dengler wohl noch geben wird. Es bleibt also auch abseits der Lektüre spannend!
Der Kiepenheuer & Witsch Verlag stellte mir für meine Juryarbeit bei den Stuttgarter Kriminächten ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung. Herzlichen Dank!
Wenn Sie Lust bekommen haben, das Buch zu lesen, können Sie es im Vaihinger Buchladen bestellen oder herunterladen. Der Link führt direkt zum Titel im Webshop.
Eine Leseprobe finden Sie hier