Dieser Roman stand schon lange auf meiner inzwischen unendlich langen Liste der Bücher, die ich unbedingt lesen möchte – war ich doch in meiner Jugend ein Apollo-, Astronauten- und Weltraumfahrtfangirl, das die Expeditionen ins All viele Jahre genau verfolgt hat. Umso mehr freute ich mich, dass das Buch nun im Lesekreis auf der Rohrer Höhe besprochen wurde.
Eines gleich vorweg: Wer hier einen Science Fiction Roman oder einen Erfahrungsbericht erwartet, sollte mit dem Buch gar nicht erst anfangen. Der Klappentext ist etwas irreführend, ist dort doch die Rede von den 6 Astronauten (genaugenommen sind es 4 Astronauten und 2 Astronautinnen), die in einer Raumkapsel durchs All schweben und auf engstem Raum arbeiten, essen und schlafen, vollkommen losgelöst vom irdischen Alltag. Sechzehmnal umrundet die Raumstation innerhalb von 24 Stunden die Erde, 90 Minuten dauert eine Umrundung. Und so ist das Buch in 17 Kapitel eingeteilt – nach einer Einführung folgen 16 weitere Kapitel, für jede Umlaufbahn eines.
Und es stimmt ja, die 6 leben, arbeiten, essen und schlafen auf engstem Raum, machen ihre Experimente mit Mäusen oder Mikroben. Samantha Harvey jedoch beschreibt vor allem die Gedanken und Gefühle, die die einzelnen Personen durchströmen. Chie aus Japan erfährt, dass ihre Mutter gestorben ist – sie wird nicht an der Beerdigung teilnehmen können. Nell aus England ist immer noch fasziniert von ihrem Weltraumspaziergang, während dem sie und Pietro, ihr Kollege die einzigen Menschen waren, die im All waren – nicht in einer Raumstation, nicht auf der Erde. Ein überirdisches Gefühl. Pietro macht sich große Sorgen um einen Fischer auf den Philippinen, den er während eines Tauchurlaubs kennengelernt hat – ein ungeheurer Taifun braut sich zusammen. Er kann das aus dem All beobachten – aber mehr als warnen kann er nicht. Seit kurzem ist auch ein Raumschiff zum Mond unterwegs, zum ersten Mal seit langem sollen dort wieder Menschen aussteigen. Das erinnert Anton aus Russland an die Geschichten seines Vaters, der ihm immer wieder von den Mondlandungen der Russen erzählte, die nie stattgefunden hatten. Shaun betrachtet immer wieder die Postkarte, die ihm seine Frau mitgegeben hat und die das Gemälde Las Meninas von Diego Velázquez zeigt, das unendlich vielfältig interpretiert wird. „Es geht um den Hund“ ist die kurzangebundene Interpretation seines Kollegen Pietro.
Über all dem steht die Verletzlichkeit der Erde, die sie immer stärker wahrnehmen: „Ein grenzenloser Ort, ein schwebendes Juwel“ heißt es auf Seite 120. Und weiter: „Kann die Menschheit nicht in Frieden miteinander leben? Im Einklang mit der Erde? Das ist kein frommer Wunsch, vielmehr eine gereizte Forderung. Können wir nicht aufhören, die eine Sache, von der unser aller Leben abhängt, zu tyrannisieren und zu zerstören, zu plündern und zu vergeuden?“ Da ist es übrigens auch ganz folgerichtig, dass die Crew nicht die die vorgesehenen nationalen Toiletten benutzt – wer sollte sie auch daran hindern? Die Bodenkontrolle kann sie deswegen ja kaum zurückholen.
Ich habe mich gefragt, wie Samantha Harvey es wohl gelungen ist, sich so in ihre Figuren hineinzuversetzten. Natürlich hat sie viel gelesen, in diesem Interview (Video, 5:52 Min, verfügbar bis 8.12.2026) sagte sie auch, dass sie während Corona begonnen hat, den Roman zu schreiben. Die Erfahrung der Isolation, die wir alle während dieser Zeit mehr oder weniger stark erlebt haben, trug sicher dazu bei, sich in die Seele der Astronaut:innen hineinversetzen zu können. Außerdem gibt es heute Livestreams, in denen jede/r live verfolgen kann, was von der ISS aus gerade zu sehen ist. Diese liefen in Dauerschleife, während sie schrieb.
Ich fand das ein ganz wunderbares, kluges Buch voller Weisheit, das sich sehr gerne gelesen habe. Man sollte sich Zeit dafür nehmen und (so habe ich es jedenfalls gemacht) einen Stift und Post it’s für Markierungen und Anmerkungen bereit legen, damit die wunderbaren Formulierungen wiedergefunden und -gelesen werden können. Absolute Leseempfehlung!
Wenn Sie Lust bekommen haben, mit der ISS um die Erde zu kreisen, können Sie das Buch im Vaihinger Buchladen bestellen oder herunterladen. Der Link führt direkt zum Titel im Webshop.
Eine Leseprobe finden Sie hier