Steffen Schroeder war 2023 Stipendiat im Stuttgarter Schriftstellerhaus und ich lernte ihn als offenen, zugewandten Autoren kennen. Er arbeitete während seines Aufenthaltes an einem interessanten Projekt über den Theaterautor und Liebhaber von Schmetterlingen Ferdinand Ochsenheimer und dessen Freund, den Schriftsteller und Regisseur Georg Friedrich Treitschke. Ich habe immer wieder einmal geschaut, ob der Roman inzwischen erschienen ist und war sehr überrascht, als ich die Ankündigung seines neuen Buches las: Ein Roman über Anita Berber, die berühmt – berüchtigte Tanzikone des Berlins der 20er Jahre, die mir bisher vor allem durch das Porträt von Otto Dix bekannt war. Den Impuls zum Sinneswechsel gab wohl ein Besuch des Kunstmuseums während seiner Zeit in Stuttgart, bei dem er das Gemälde sah. Auch ich war dem Bild im Kunsmuseum bereits begegnet und ein weiteres Mal Anfang diesen Jahres, als ich die Ausstellung „Die neue Sachlichkeit“ in Mannheim besuchte. Das war ein Grund, warum ich mir den Roman als Urlaubslektüre bestellte, denn wir bezogen im Juni für ein paar Tage eine Ferienwohnung auf der Höri, nur wenige Kilomenter von Hemmenhofen entfernt, wo Otto Dix von 1936 bis zu seinem Tod 1969 lebte. Das Museum Haus Dix dort hatte ich ebenfalls vor vielen Jahren einmal besucht, vor kurzem erst die von ihm entworfenen Glasfenster in der Petruskirche. Natürlich wollte ich aber auch einfach das neue Buch von Steffen Schroeder lesen, dessen Roman „Planck oder Als das Licht seine Leichtigkeit verlor“ mir sehr gut gefallen hatte.

Aber jetzt endlich zum Buch, dessen Inhalt der Verlag wie folgt beschreibt: „Sommer 1928: Anita Berber liegt geschwächt in einem Berliner Krankenhaus. Gerade noch war sie ein Star, verkörperte die neue Zeit, auf der Bühne, in Dutzenden Filmen, lebte und liebte exzessiv. Bis zu den Anfeindungen in Wien, in denen eine dunkle Zukunft aufschien … Anita Berber denkt zurück an ihre geliebte Großmutter Lu, bei der sie aufwuchs. An ihren Weg zum göttlichen Tanz, an den großen Fritz Lang und die ehrgeizige Marlene Dietrich, die bald Anitas Stil kopierte. Während Freunde – wie Otto Dix, der sie malte – sie besuchen, sucht Anita Berber nach dem entscheidenden falschen Schritt auf ihrem Weg. Sie wollte den Tanz zur Kunst, zur Feier des Lebens machen – andere sahen nur den Skandal. Um all das kreisen ihre Gedanken, auch um ihre große, verlorene Liebe. Und um Felix Berber, den berühmten Violinisten, ihren lebenslang vermissten Vater.“ (© Rowohlt Verlag)

Was mich schon bei seinem Roman über Planck sehr angesprochen hatte, gefiel mir auch dieses Mal sehr gut: Steffen Schroeder gelingt es hervorragend, die Atmosphäre der 1920er Jahre einzufangen. Anita Berber ist eine Grenzgängerin, sie ist Männern und Frauen zugewandt und der Tanz ist genau ihr Ding. Hier kann sie sich und ihre Emotionen ausdrücken, das zeigen, wofür es keine Worte gibt. Schon als junges Mädchen merkt sie das, als sie in Dresden Unterricht an der neu gegründeten Bildungsanstalt für Musik und Rhytmus erhällt. „Das Phänomen des Rhytmus ist Ausdruck innerster Not und geheimster Sehnsucht“ sagt ihr Lehrer dort und als sie mit 13 Jahren in Berlin gemeinsam mit der Großmutter eine Vorstellung ihrer Mutter besucht, die in einem Vatietée als Sängerin arbeitet, erschließt sich ihr plötzlich das, was der Lehrer gemeint hat. Aber nicht etwa durch den Auftritt ihrer Mutter, sondern vielmehr durch den der philippinischen Tänzerin Marietta di Rigado. Ihr Entschluss steht fest: Sie wird Tänzerin werden.

Als Lesende folgen wir ihr auf diesem Weg, begegnen vielen Persönlichkeiten, erleben ihren Aufstieg mit aber auch ihren Abstieg, als sie sich in einem ausschweifenden Leben dem Alkohol und Drogen ergibt. Folgerichtig erkrankt sie jung an Tuberkulose und liegt über Wochen und Monate im Berliner Krankenhaus Bethanien. Hier ist die zweite Erzählebene angelegt, denn Anita Berber erinnert sich in fiebrigen Träumen zurück an ihr Leben, an ihre Begegnungen mit den Größen ihrer Zeit, mit Männern und Frauen, die sie liebte, aber auch an die tragischen Momente wie ihre Abtreibung und das langsame Abrutschen in die Sucht. Natürlich hatte ich schon dies und das gelesen und gesehen über die 1920er Jahre, aber ein so detailliertes Bild hatte ich von dieser Zeit, die erstaunlich modern war, nicht und ich konnte so manche Parallele ziehen zur heutigen Zeit.

Trotzdem hat mich der Roman irgendwann begonnen zu ermüden. Zu Beginn war ich noch ganz bei Anita, ihrer geliebten Großmutter, aber auch in dem Konflikt mit ihrer Mutter, die schnell erkennt, wie talentiert ihre Tochter ist und nurmehr die Konkurrentin in ihr sieht, nicht mehr die Tochter. Ich war fasziniert von ihrem Aufstieg und den vielen bekannten Persönlichkeiten, denen sie begegnete und auch von der Freiheit, die sie sich nahm, um ihren Neigungen zu folgen. Aber irgendwann verlor ich über all den Namen den Überblick, die unglaubliche Recherchelesitung, die dahinter steht, und der Detailreichtum, der damit in die Handlung einfließt, ließ mich teilweise den Faden verlieren. Viele Persönlichkeiten waren mir ein Begriff, manche wiederum nicht und manchmal kam es mir fast ein wenig so vor, als hätte der Autor versucht, möglichst alles unterzubringen, was ihm während seiner Nachforschungen begegnet ist. Trotzdem blieb ich bis zum bitteren Ende dabei – wie Steffen Schroeder dieses Ende beschreibt, hat mich wiederum sehr berührt und mich mit manchem versöhnt, mit dem ich während des Lesens vielleicht gehadert habe.

Also ein gemischtes Fazit: Ein atmosphärisch starker Roman, ein einfühlsames Porträt einer Ausnahmekünstlerin und eine Detailfülle, die mich teilweise überfordert hat. Trotzdem eine Lektüre, die mich beeindruckt hat! 

Wenn Sie Lust bekommen haben, das Buch zu lesen, können Sie es im Vaihinger Buchladen bestellen oder herunterladen. Es gibt auch eine Hörversion, die Steffen Schroeder selbst eingelesen hat – schließlich ist er in seinem Erstberuf Schauspieler.

Wenn Sie sich vorher einen Eindruck vom Stil des Romans machen wollen, finden Sie hier eine Leseprobe.