Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)
Kürzlich waren wir im Schaichtal unterwegs und passierten einen gefällten Baum, dessen Teile beidseitig des Weges lagen. Zum Jahresbeginn passt dazu das Gedicht von Rilke ziemlich gut finde ich!
Einmal im Jahr trifft sich das Branchennetzwerk BücherFrauen e.V. zu seiner Jahrestagung. Seit Corona finden die Treffen nicht mehr nur analog, sondern immer wieder auch digital statt. Dieses Jahr jedoch war das Treffen analog und fand in Erfurt mitten in der reizvollen Altstadt im ehrwürdigen Kulturhaus Dacheröden statt. 6 Jahre war es her, dass ich bei einem analogen Treffen dabei war und es war schön, viele altebekannte Gesicher nicht mehr nur am Bildschirm, sondern einmal wieder live zu sehen!
Neben dem intensiven Austausch untereinander gibt es auch immer ein interessantes Programm, das früher von den Regionalgruppen, die die Tagung ausrichteten erdacht wurde, inzwischen aber jeweils von überregionalen Orga-Teams zusammengestellt wird. Es orientiert sich meist am Jahresthema, das sich das Netzwerk gibt. „Laut werden gegen rechts – BücherFrauen ergreifen das Wort“ war das Motto der diesjährigen Tagung und nach einer Keynote von Ines Geipel und einer spannenden Podiumsdiskussion über „Strategien gegen rechts – was können wir tun“ wurde das Thema in verschiedenen Workshops vertieft.
Zum Glück gab es danach auch eine Pause, die wir für einen (viel zu kurzen) Spaziergang durch die Erfurter Altstadt nutzten – inklusive Besichtigung des Doms.
Am Abend gab es dann ein echtes Highlight: Zum 3. Mal wurde die Christine, der BücherFrauenliteraturpreis, den das Netzwerk alle 3 Jahre vergibt, feierlich verliehen. Ausgezeichnet wurde der Roman „Was Hortensia nicht mehr erzählen konnte“ der spanischen Autorin Dulce Chacón. Damit erhielt zum ersten Mal eine Übersetzung diesen einzigen deutschen Literaturpreis, der ausschließlich Autorinnen gewidmet ist.
Der Roman ist 2024 in der Übersetzung von Friederike Hofert im Verlag w_orten&meer erschienen. Da die Autorin Dulce Chacon 2003 verstorben ist, teilen sich Übersetzerin und Verlag das Preisgeld in Höhen von 10.000 Euro. Die Jury hält diesen Roman „für literarisch besonders gelungen – durch seinen ganz eigenen Klang, der poetisch und eindringlich ist“. Laudatorin Christiane Goebel hob in ihrer Laudatio nicht nur die hervorragende Übersetzungsleistung von Friederike Hofert hervor, die kreative und glaubwürdige Lösungen für die vielen Dialoge und Redewendungen gefunden und auch ein ausführliches Nachwort dazu geschrieben hat. Sie lobte auch den Mut des Verlages w_orten&meer, diesen Roman, der den Blick auf die Francodiktatur in Spanien nachhaltig veränderte, dem deutschen Publikum zugänglich zu machen.
Leider gab es keinen Büchertisch, aber mein Entschluss war sofort gefasst: Dieses Buch will ich unbedingt lesen! Über meinen Leseeindruck werde ich dann hier berichten!
Schon viermal war ich dabei beim Urlaubsbuchvorstellungsabend der Buchhandlung Bornhofen in Gernsheim: Dreimal vor Ort und einmal (während Corona) digital. Dieses Jahr gab es zum 10. Mal den „Feine Bücher Abend“, zu dem Inhaberin Lucia Bornhofen ihre Kund:innen im Rahmen der WUB (Woche unahängiger Buchhandlungen) einlädt. Bei feinen Spezereien werden ausgewählte Bücher aus überwiegend unabhängigen Verlagen vorgestellt. Ich freute mich, dass ich eingeladen war, 3 Bücher vorzustellen.
Der Abend fand nicht direkt in der Buchhandlung statt, sondern gegenüber in der Stadtwabe, eineem ehemaligen Ladenlokal, das die Stadt Gernsheim mit Hilfe von Fördergeldern zu einem Raum verwandelt hat, der den Bürger:innen, Vereinen oder Institutionen für kleine Miete für ihre Projekte, Feiern, Ausstellungen und mehr zur Verfügung gestellt wird. So konnte die Buchhandlung unkompliziert das Büffett anrichten, eine kleine Küche mit Spülmaschine erleichterte das Aufräumen danach. Die Kund:innen schätzten dieses Angebot und der Abend war schon kurz nach Veröffentlichung ausgebucht.
Für mich ist es, bei aller Routine, doch immer wieder eine kleine Aufregung, ob es mir gelingt, meine Bücher im vorgegebenen Zeitrahmen aussagekräftig vorzustellen und passende Textstellen zum Vorlesen zu finden. Es war fast beruhigend, dass es Lucia Bornhofen ähnlich ging und wir waren uns einig, dass in dem Moment, in dem wir dieses kleine Lampenfieber nicht mehr haben, die Gefahr, dass etwas schief geht, viel größer ist. Und es gelang alles gut – das Publikum war freundlich und konzentriert, die Spezereien wirklich fein und der Abend verging wie im Fluge.
Auch dieses Jahr nächtigten wir wieder im Hotel Rheingold direkt am Rhein und die regelmäßig vorbeifahrenden Schiffe sorgten ebenso für eine Art Urlaubsfeeling wie das augiebige. gemütliche Frühstück mit dem Buchhändlerehepaar am nächsten Morgen mit der richtigen Mischung aus fachlichem und privatem Austausch. Schön war’s, wieder einmal ein wenig Buchhandelsluft zu schnuppern!
Und das waren die Bücher, die ich vorgestellt habe:
Theres Essmann, Schwarzer Schwan
Liz Moore, Der Gott des Waldes
Die Tipps von Lucia Bornhofen finden Sie hier auf der Website der Buchhandlung
Der Roman „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ der aktuellen Stipendiatin des Stuttgarter Schriftstellerhauses Lena Schätte hatte mich beeindruckt und so freute ich mich, dass ich sie in der Stuttgarter Stadtbibliothek bei ihrer Lesung im Café Lesbar live erleben konnte. Im Gespräch mit der Programmleiterin des Schriftstellerhauses Viola Völlm erfuhr das interessierte Publikum nicht nur einiges über das Buch, sondern auch darüber, wie Lena Schätte schreibt.
In ihrem Roman spürte ich schon beim Lesen, dass das Thema Alkohol und Sucht eines ist, das der Autorin nahe ist. Das bestätigte sie im Gespräch: Im Bezug auf Setting einer Arbeiterfamilie im Ruhrgebiet und das Suchtthema ist er zwar autofiktional, aber mit literarisch geformten Figuren handelt es sich dennoch um Literatur.
Recherchieren musste sie für ihren Roman nicht, denn ihr Brotjob als Krankenschwester im Suchtbereich konfrontiert sie täglich mit dem Leben von Familien, in denen Alkoholkrankheit oder andere Suchtkrankheiten präsent sind. Sie erlebt die Co-Abhängigkeit der Frauen, die die Familien zusammenhalten, wie vieles mit Humor zugedeckt wird, weil das leichter ist, als Angst und Scham in Worte zu kleiden. Wichtig war ihr vor allem davon zu erzählen, was Alkoholsucht mit den Familien macht, besonders den Kindern, die mit Enttäuschungen, Stigmatisierung und Diskriminierung zurechtkommen müssen – kurz, sie will einen differenzierten Blick werfen auf ein Thema, das in der Literatur meist nur sehr einseitig bearbeitet wird. Denn statistisch gesehen landen Kinder aus Suchtfamilien oft wieder in Suchbeziehungen. Sie sind schon früh destabilisiert und suchen sich wie Motte in ihrem Roman als Erwachsene instinktiv ähnliche Verhältnisse, in denen sie die erlernten Strategien anwenden können.
Schreiben tut Lena Schätte nicht am Edelholzschreibtisch und zu bestimmten Zeiten, sondern extrem chaotisch: Im Auto, in der Bahn, im Café. Sie hört gerne Menschen zu und schreibt sich auf was diese zueinander sagen. Sie führt stets ein Notizbuch bei sich oder spricht Eindrücke ins Handy.
„Ich musste zuerst alles falsch machen, um zu verstehen, wie es für mich geht.“ sagte sie. Während ihres Studiums des literarischen Schreibens am Deutschen Literaturinstitut Leipzig versuchte sie sich in allen möglichen Schreibstilen, bevor sie merkte, dass das reduzierte Schreiben ohne jedes „Sprachgefuchtel“ das ist, was zu ihr passt. „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ war zunächst nur eine Fingerübung, in dem sie sich alles erlaubte, was sie sich sonst nicht erlaubt hatte. Wenn sie beginnt zu schreiben, kommt der Text. Vorher sammelt sie Schnipsel, hört auf Randgeräusche und lässt das alles, wie sie sagt, innerlich köcheln. In dem Moment, in dem dann alles gar ist, fließt es heraus und der Text ist da.
Die Leseabschnitte ergänzten das Gespräch gut und das Publikum lernte eine ganz besondere Autorin kennen, der der Literaturbetrieb eher fern ist und die auf lange Sicht wieder in ihrem Beruf arbeiten will, ganz einfach, weil er sie erdet. Über das Projekt, an dem sie hier in Stuttgart arbeitet, verriet sie nichts, außer – mit einem verschmitzten Grinsen – dass es wieder ein Buch wird. Sicher bin nicht nur ich gespannt, was ihre Leserschaft erwarten wird!
Eine schwierige Zeit liegt hinter dem Schriftstellerhaus: Nach dem Ausscheiden von Geschäftsführerin Astrid Braun im Herbst 2023 in den wohlverdienten Ruhestand, gab es einen zweimaligen Wechsel in der Nachfolge, bevor im Herbst 2024 mit Rainer Koch zunächst eine administrative Leitung gefunden war und im Sommer 2025 Viola Völlm die Programmarbeit übernommen hat. Ein Grund für das Duo, das gemeinsam mit den Mitgliedern zu feiern. Ich habe mich gefreut, dass ich ebenfalls eingeladen war.
Gefeiert wurde im Häusle und natürlich wurde nicht nur gefeiert, sondern auch gelesen! Zunächst begrüßte Viola Völlm die zahlreich erschienen Gäste und skizzierte ihre Vision der zukünftigen Ausrichtung des Hauses: Im Mittelpunkt soll vor allem das Schreiben stehen – nicht nur für ältere Schreibende, sondern auch für junge, angehende Autor:innen. Das Haus will ein geschützter Raum sein, in dem konkrete Textarbeit und der Austausch über geschriebenes möglich ist, gleichzeitig soll diese Arbeit bei Lesungen und Veranstaltungen aber auch in die Stadtgesellschaft hinausstrahlen.
Und da lag es nahe, dass im Anschluss an die mit viel Herzblut vorgetragenen Worte von Viola Völlm gleich vier Autor:innen aus den Schreibwerkstätten des Hauses, der AG Wortreich und der Schreibwerkstatt von Theres Essmann mit kurzen Geschichten zu Wort kamen. Die Lesenden nahmen das Publikum mit in den Schminkraum einer Talkshow, in der ein wirklich sehr spezieller Gast geschminkt werden sollte, auf eine Bahnfahrt, in der ein Konflikt zu eskalieren drohte und sich dann doch am Ende deutlich relativierte, den Prolog und das erste Kapitel eines Romans um Mutterschaft und Familie sowie einen Vater-Tochterkonflikt, über den der Vater nie hinwegkommen wird. Das Publikum lauschte gespannt und konzentriert und spendete jeweils den verdienten Applaus.
Danach gab es bei Getränken und Butterbrezeln lebhaften Austausch zum gehörten und darüber hinaus. Auch die kurz zuvor angekommene Stipendiatin Lena Schätte stieß noch hinzu, die im vierten Quartal im Schriftstellerhaus leben und arbeite wird und deren Roman „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2025 stand. Sie lernte also gleich einen lebendigen Ort des Schreibens kennen, an dem gute Texte gedeihen können – vielleicht sogar bis zur Veröffentlichung in einem Verlag.
Ein schöner, lebendiger Abend, der zeigte, dass sich das Stuttgarter Schriftstellerhaus wieder auf Kurs befindet!
Vor kurzem habe ich den Roman „Der ewige Tanz“ von Steffen Schroeder gelesen und obwohl er mir nicht durchweg gefallen hat, hat er mich dennoch beeindruckt. Da kam mir die Ausstellung im Kunstmuseum „Orchideen. Anita Berber“, die noch bis zum 12.4.2026 zu sehen ist, wie gerufen.
Im Mittelpunkt steht das berühmte Bild von Otto Dix, das auch Steffen Schroeder den entscheidenden Impuls für seinen Roman gab. Der Gegensatz zwischen der übergroßen Fotografie, auf der eine junge, gesunde, ein wenig verschmitzt blickende Anita Berber zu sehen ist und dem Porträt von Dix, das die von Sucht und Krankheit gezeichnete Künstlerin am Ende ihres Lebens zeigt, ist beeindruckend.
Zu sehen sind aber auch andere Zeichnungen und Fotografien von ihr sowie Briefe, die sie an Otto Dix geschrieben hat. Titelgebend für die Ausstellung ist das Gedicht „Orchideen“ von Anita Berber, von dem Auszüge in großen Lettern an die Wand gemalt sind. Mich hat auch besonders eine Videopräsentation mit Filmausschnitten berührt, in denen Anita Berber zu sehen ist und die die Ausstrahlung dieser besonderen Künsterlin zeigen.
Mit dem Wissen aus dem Buch war diese Ausstellung eine wunderbare Ergänzung für mich – aber auch ohne die Lektüre kann ich sie jeder und jedem nur empfehlen!
Kürzlich besuchte ich eine Ausstellung im Stadtpalais Stuttgart. Und weil ich immer mehrere Dinge miteinander verbinde, wenn ich hinunter in die Stadt fahre, war ich schon etwas bepackt, als ich dort ankam. Die freundliche Empfangsdame verwies mich an die Schließfächer im Zwischengeschoss, in denen ich mein Gepäck einschließen solle. Ganz unachtsam öffnete ich ein Schließfach und stutzte erstmal ganz erstaunt: Der Boden des Fachs war ausgelegt mit einem Text und Bild der in Stuttgart lebenden und lehrenden Germanistin, Philosophin und Literaturwissenschaftlerin Käthe Hamburger. Sofort schossen mir Erinnerungen an meine Lehrzeit in den 70er Jahren bei Weise’s Hofbuchhandlung durch den Kopf – dort war Frau Professor Hamburger eine gute und gern gesehene Kundin (die wir als Auszubildende natürlich nur im äußersten Notfall bedienen durften).
Nach der ersten Überrschung schaute ich mir die anderen Schließfächer an und realisierte, dass es sich um eine Installation handelt, die in Kooperation des StadtPalais mit Studierenden der Hochschule der Medien im Rahmen eines Moduls des Studiengangs Informationswissenschaften entstanden ist. In der Installation werden 25 Stuttgarter Stadtteile und 25 bedeutende Stuttgarter Frauen präsentiert. Für mich ein sehr schöner Auftakt meines Ausstellungsbesuches!
Mehr Bilder un Informationen zur Installation finden Sie hier
Sicher haben Sie es bemerkt: Ich habe die Startseite geändert und Sie sehen nun wieder die Buchtipps ohne weiteren Klick. Da sie das Herzstück dieser Seite sind, erschien mir das sinnvoll. Weniger Sinn macht dann jedoch die monatliche Zusammenfassung meiner Leseeindrücke, denn wer regelmäßig auf die Seite kommt, sieht nun gleich alle neuen Empfehlungen. Deshalb fasse ich jetzt zm letzen Mal zusammen, was ich in den letzten beiden Monaten gelesen habe und diese Rubrik wird vorerst nicht mehr befüllt. Es sei denn, es regt sich großer Widerspruch von Seiten meiner Leser:innen!
Die letzten beiden Monate ist doch einiges zusammengekommen! Weniger Krimi, mehr Romane – eine kleine kriminelle Pause musste einfach sein.
Seit nahezu 2 Jahren tobt der Nahostkrieg, der längst auch ein Propagandakrieg geworden ist. Es ist schwer, sich eine eigene Meinung dazu zu bilden. Mir helfen nicht nur Zeitungsartikel, Podcasts oder Fernsehberichte, sondern immer wieder auch Bücher. Wir zum Beispiel dieses Tagebuch von Lizzie Doron, das mich wirklich sehr berührt hat: Es ist eindringlich, berührend, manchmal humorvoll und voller Menschlichkeit.
Steffen Schroeder lernte ich kennen, als ich noch im Stuttgarter Schriftstellerhaus gearbeitet habe und er dort Stipendiat war. Nun ist sein neuer Roman über die Tänzerin Anita Berber erschienen, die in den 1920er Jahren Furore machte. Ihm ist wieder ein atmosphärisch starker Roman gelungen, ein einfühlsames Proträt einer Ausnahmekünstlerin. Aber die Detailfülle hat mich streckenweise überfordert und etwas ermüdet. Trotzdem war es für mich ein eindrückliches Leseerlebnis und ein intensiver Einblick in die 1920er Jahre.
Auf diesen Roamns musste ich in der Stadtbücherei lange warten, denn die Liste der Vormerkungen war lang. Aber das Warten hat sich gelohnt: Vordergründig ein Thriller erwartete mich ein packendes amerkianisches Familien- und Gesellschaftspanorama von den 50er bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. Die 590 Seiten vergingen wie im Fluge!
Wenn Ihnen der Inhalt dieses Romans bekannt vorkommt, wundern Sie sich nicht: Das Buch ist ist vor 5 Jahren schon einmal unter dem Titel „Frederico Temperini“ erschienen. Ich hatte es damals sehr gerne gelesen. Die Wiederveröffentlichung war für mich ein Anlass, das Buch noch einmal zu lesen – an meiner Meinung darüber hat sich nichts geändert!
Manchmal muss es einfach mal ein Buch sein, das sich einfach so wegliest und mich unterhält, ohne allzugroße Schwere in sich zu tragen. Dieser Roman ist so ein Buch: Gewürzt mit einem trockenen Humor und starken Frauenfigurem entführt Dora Heldt ihre Leser:innen nach Hamburg und in die Welt der Reederei. Ideal für ein Schmökerwochenende oder eine lange Fahrt nach Hamburg.
Romane, die in den Bergen spielen, lese ich einfach gerne. So auch dieses schmale Buch, in dem poetisch von einer Männerfreundschaft und der Faszination der Berge erzählt wird. Das lesenswerte Debüt eine jungen Schweizer Autorin.
Ja, diesen Klassiker hatte ich bis jetzt tatsächlich noch nicht gelesen – da wurde es höchste Zeit! Eine Frau erwacht morgens in einer Jagdhütte in den Bergen und findet sich eigeschlossen von einer gläsernen Wand, hinter der kein Leben mehr existiert. Klingt spannend? IST spannend! Und absolut lesenswert.
Ganz ohne Krimi geht’s natürlich nicht und so las ich voller Spannung den neuen Thriller von Peter Grandl, der 2023 mit dem Stuttgarter Krimipreis für den besten Politkrimi ausgezeichnet wurde. Auch sein neuer Thriller ist wieder sehr spannend und auch beklemmend. Konsequent spielt der Autor durch, was es heißt, wenn eine hochdigitalisierte Gesellschaft bis in die staatliche und private Kommunikation hinein überschwemmt wird von täuschend echten Fakenews. „Die Wahrheit stirbt zuerst“ ist der treffende Untertitel dieses hochspannenden Thrillers.
„Ein sommerleichter, ganz und gar nicht oberflächlich
er Roman, eine wunderbare durchaus heitere Sommerlektüre.“ Das schreibt Barbara Scholz über dieses Buch. Ihre Rezension regte mich an, das Buch sofort aus meinem großen Stapel ungelesener Bücher zu ziehen und zu lesen. Und so gibt es mal wieder ein Buch und zwei Meinungen, die übereinstimmen.
Zwei Krimis und ein Roman – das war mein Lesekonsum in diesem Monat. Ich freue mich außerdem, dass Barbara Scholz mir wieder eine Leseempfehung geschickt hat.
Dieser Krimi beschäftigt sich mit dem Thema Raubkunst während der Kolonialzeit: Allein aus Kamerun lagern immer noch 40.000 Kulturgüter in deutschen Museen. Die Rückgabe eines dieser Kunstwerke könnte das Motiv für den Mord an einem afrikanischen Pfarrer sein. Ein wirklich interessantes Thema, aber die Umsetzung hat mich nicht ganz überzeugen können.
Noch einmal ein Krimi, der in Köln spielt: In den letzten Kriegswochen soll der amerikanische Offizier Joe Salmon, eigentlich ein Kölner Jude, dem in letzter Minute die Flucht aus Nazideutschland gelang, einen Mörder finden. Eine fast aussichtslose Such, die Joe jedoch auch einen Vorwand bietet, nach zwei Menschen zu suchen, mit denen er vor Kriegsbeginn eng verbunden war. Ein komplexer, vielschichtiger Kriminalroman!
In diesem Roman verknüpft Jarka Kubsova zwei Frauenschicksale: 1580 lebt Abelke Bleken in den Marschlanden auf ihrem Hof, an dem auch einige Männer in der Umgebung Interesse haben. In der heutigen Zeit zieht Britta Stoever mit ihrem Mann und ihren Kindern in die Marschlande und stößt bei langen Spaziergängen auf das Schicksal der Albeke, die als Hexe verurteilt wurde und auf dem Scheiterhaufen umkam. Sorgfältig recherchiert, berührend und spannend!
Barbara Scholz empfiehlt diesen Roman, in dem ein Frauenschicksal, das fast ein ganzes Jahrhundert umfasst, erzählt wird, als wunderbares und berührendes Buch.
Überleben hoch drei – unter diesem Motto stand ein Abend, zu dem die BücherFrauen Stuttgart am 21.Mai 2025 gemeinsam mit dem Förderkreis der Schriftsteller:innen in Baden-Württemberg und dem Stuttgarter Schriftstellerhaus in die Stadtbibliothek am Mailänder Platz eingeladen haben. Inspiriert vom Motto ÜBER LEBEN des 2. Literaturfestivals Stuttgart waren drei Baden-Württembergische Autorinnen zu Gast: Elfi Conrad, Theres Essmann und Grit Krüger. Sie sprachen mit Caroline Grafe über ihre Romane, in denen die Schicksale von Frauen im Mittelpunkt stehen, die jede auf ihre eigene Art ums Überleben kämpfen und auch durch die Kraft des Erzählens einen Ausweg finden.
In „Schneeflocken wie Feuer“ rebelliert Elfi Conrads Heldin Dora gegen die spießige gesellschaftliche Stimmung der Bundesrepublik Anfang der 60er Jahre und das, was die Gesellschaft für sie vorgesehen hat: Heiraten und Kinder bekommen. Bereits in der Schule erlebt sie, dass bei Mädchen Ehrgeiz und das Ziel, eine Berufstätigkeit anzustreben mit schlechteren Noten bestraft wird und beschließt, sich zu rächen. Ihr Opfer soll der Musiklehrer sein, den sie verführen will, obwohl er einer der wenigen Menschen in ihrem Umfeld ist, der sensibel und verständnisvoll mit den Schülerinnen umgeht. Die doppelte Erzählhaltung, die die Autorin für ihren Text gewählt hat, spielt zwischen dem jüngeren und älteren Ich und sie wollte darin auch die Enge der Kleinstadt zeigen, die sie selbst als jungen Frau erlebt hat. Im Gespräch wurde deutlich, dass in diesem Roman viele persönliche Erfahrungen eingeflossen sind. Während die junge Dora selbst noch gar nicht bemerkt, wie sie in ihrem Verhalten das Rollenbild der Frau erfüllt, durchschaut das ältere Ich alles.
Theres Essmann wollte in ihrem Roman „Dünnes Eis“ ursprünglich über eine jüngere Frau schreiben und dieser eine Ältere an die Seite stellen. Doch bei der Recherche, während der sie viele Gespräche mit hochaltrigen Menschen führte, drängte sich die ältere Frau immer mehr vor und wurde schließlich zur Hauptfigur. Ihre Protagonistin steht kurz vor ihrem 100. Geburtstag und erinnert sich an ihr Überleben in Kriegszeiten und danach. Bei der Arbeit am Text fragte sie sich immer wieder „Darf ich das überhaupt, aus dieser Perspektive schreiben?“ Die individuellen Gespräche halfen jedoch, wirklich authentisch zu schreiben und nicht in Klischees zu verfallen. Mitten im Schreibprozess begann der Ukrainekrieg und gab eine Ahnung von der Stimmung und der Atmosphäre der Zeit, in der ihre Hauptfigur lebte. Sie bemerkte: Dieser Stoff ist auch heutig, Fluchterfahrungen und sexualisierte Gewalt sind in ihrer Rohheit übertragbar und noch heute ist sexualisierte Gewalt eine Kriegswaffe.
Grit Krüger schließlich erzählt in ihrem Roman „Tunnel“ in vier Stimmen von der Suche ihrer Hauptfigur Mascha nach Wegen, aus den prekären Verhältnissen, in denen sie mit ihrer Tochter Mascha lebt, herauszufinden. Sie ist auf der Suche nach Weite und Würde, den Kontrast zu dieser Sehnsucht bildet der Tunnel, der in diesem Buch auch gebaut wird. Dieser Kontrast spiegelt sich übrigens auch in der besonderen Gestaltung des Umschlags wieder.
Caroline Grafe moderierte souverän und nahm die Texte zum Anlass über die Arbeit am Text hinaus auch über die Frage zu sprechen, ob und in welcher Form Literatur zu einer zeitgemäßen Erinnerungskultur beitragen kann. Einig waren sich alle darin, dass Literatur in den Lesenden vor allem Mitgefühl wecken kann, Grit Krüger formulierte es so: „Literatur ist Jogging für die Empathie.“ Denn im Gegensatz zu den schnelllebigen Medien, die von Algorithmen getrieben sind und auf vieles nur Schlaglichter werfen, nehmen sich literarische Texte Zeit, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, Zwischentöne auszuhalten und so etwas Neues zu erschaffen.
Es waren anregende anderthalb Stunden, die wie im Fluge vergingen und alle waren sich einig, dass noch viel mehr hätte besprochen werden können. Das konzentriert zuhörende Publikum dankte den Akteurinnen mit lang anhaltendem Applaus und nutzte die Gelegenheit, manches noch im direkten Gespräch zu klären oder sich Bücher signieren zu lassen.