„Jetzt ist ein Jahr vorbei, dass ich dich gesehen habe, Du sollst schöner geworden sein. Mir geht’s recht hinderlich, ich muß die Zeit so kalt hinstreichen lassen ohne einen Funken zu erhaschen, an dem ich mir eine Flamme anblasen könnte. Doch soll es nicht mehr lange währen, bis dich Dich wiederseh: dann will ich nur einmal Dich immer und ewig in meinen Armen festhalten. Heute sag ich Dir nichts mehr, denn ich sehne mich, dass dieser Brief bald an Dich gelange; schreib mir ein Wort, meine Zufriedenheit beruht darauf.“
Ob das Zielobjekt dieser Schwärmerei dem Wunsch nachgekommen ist, zeitnah und somit zufriedenstellend auf den Brief zu antworten, ist nicht gewiss. Aber geschmeichelt gefühlt haben muss sich der Adressat, denn die junge Frau hat in ihren zahlreichen Briefen auf der emotionalen Ebene deutliche Worte gefunden. Der von ihr so Verehrte wurde auf einen Sockel gestellt und auf eine Art und Weise angeschwärmt, dass es einem heutzutage schon fast wieder peinlich wäre. Im Zeitalter der SMS und eilig formulierten Emails ist es für manch einen sowieso nur noch schwer vorstellbar, dass es mal eine Zeit gab, in der ein Brief nicht nur eine schnöde Form der Nachrichtenübermittlung war, sondern zu einer Kunstform hochstilisiert wurde. Da wurden nicht mal eben en passant ein paar wohlfeile Worte aufs Papier geschmiert - o nein, da gab es zuerst einen Entwurf, der dann je nach Bedarf mehrmals korrigiert wurde, um dann in der endgültigen Fassung zu münden, die wiederum so natürlich und mühelos wirken sollte, als wäre der Brief mal eben so ganz spontan und en passant geschrieben worden.
„So tief bewegt bin ich, dass du mir Gehör gibst und so selig bin ich, dass ich so bewegt bin.“
Um einen so kunstvollen Brief zu schreiben, war eine gewisse sprachliche Gewandtheit von großem Vorteil, wenn nicht gar Voraussetzung. Denn man wollte sich ja auch so vorteilhaft wie möglich in Szene setzen, man wollte individuell und originell erscheinen und vor allem, man wollte poetisch sein. Die Romantiker hatten dazu aufgefordert, das Leben zu poetisieren. Und in einem schwärmerischen Brief konnte man dieses Lebensgefühl doch hervorragend zum Ausdruck bringen. Da kam es auf den Wahrheitsgehalt des Briefinhalts gar nicht so sehr an. Es ging darum, tiefempfundene Gefühle so in Worte zu fassen, dass sich der Briefempfänger im besten Falle davon mitreißen lassen konnte.
Dichtung oder Wahrheit? Man weiß es nicht.
Eine schwärmerische und unerwiderte Liebe bot natürlich einen großartigen Anlass für viele poetische Briefe. Sie begann als junge Frau, Briefe mit vielen Menschen zu wechseln, darunter mit ihrem älteren Bruder, ihrem späteren Mann, mit einer befreundeten Schriftstellerin und mit dem so sehr von ihr verehrte und idealisierte Dichter, der ihre Gefühle nicht in dieser Weise erwiderte und auch in deutlich nüchternem Stil zurückschrieb. Ob sie wirklich so verliebt war in den wesentlich älteren Mann? Denn neben den vielen schwärmerischen Briefen ist auch folgende Aussage von ihr überliefert: „ So außerordentlich war ich gar nicht in (....) verliebt; ich musste nur jemand haben, an dem ich meine Gedanken usw. auslassen konnte.“ Vielleicht war sie verliebt in das Verliebtsein?
Wie dem auch sei, sie war eine Meisterin in der Kunstform des Briefeschreibens und als solche hat sie sich ihren Platz in der Weltliteratur gesichert. Sie zählt zu den bedeutendesten Vertreterinnen der Romantik und war nicht nur künstlerisch produktiv, sondern auch politisch und sozial engagiert.
Freund Hermann Grimm schrieb 1880 über sie: „Sie hatte immer zu schreiben....Wenn mir ihr Bild recht lebhaft aufsteigt, erblicke ich sie still an ihrem Schreibtische sitzend. Jeder Buchstabe ihrer Handschrift war deutlich, ausgeschrieben und energisch. Sie schrieb unaufhörlich wieder ab was ihr nicht gefiel, bis es die Leichtigkeit des Styles empfing, als sei es flüchtig nur so hingeschrieben worden"
Wie ist der Titel des berühmten, aber zum großen Teil fiktiven Briefwechsels, der 1835 erfolgreich veröffentlicht wurde? Und wie heißt die Autorin, die nach dem frühen Tod der Eltern bei ihrer Großmutter Sophie von La Roche aufwuchs und dadurch schon früh mit der Welt der Literatur in Berührung kam?
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