Kürzlich verschlug es mich nach Nürtingen, wo ich eine Freundin besuchte, die ihren an sich schon sehr reichen Erfahrungsschatz noch um einen freiwilligen Aufenthalt in der dortigen psychiatrischen Klinik zu erweitern versuchte. Sie hatte „Freigang“ und wir bummelten durch die fachwerkgeschmückte Altstadt, die sich teils recht pittoresk auf einem Hügel über dem Neckar verteilt. Dabei stießen wir auch auf das Gebäude der ehemaligen Lateinschule. Auf einem Schild an demselbigen konnte man die Namen von einigen ehemaligen Schülern nachlesen, die hier einst die Schulbank drückten. Darunter auch ein später sehr bekannter Dichter. Das hatte ich nicht gewusst. Meine Freundin auch nicht. Da sieht man mal, welche Überraschungen so ein gemütlicher Freigang parat halten kann.
„Doch weicht mir aus treuem Sinn auch da mein Neckar nicht .... “
Der Ort, in dem der Dichter geboren wurde, liegt auch am Neckar, aber da sein leiblicher Vater sehr früh starb und seine Mutter die zweite Ehe mit dem Bürgermeister von Nürtingen einging, wuchs der Sohn eben flussabwärts auf. Die Mutter, von Haus aus Pfarrerstochter, hatte den nicht unüblichen Wunsch, dass der Sohn Theologe werde. Und so trat dieser im Alter von 14 Jahren erst in die niedere Klosterschule in Denkendorf ein, zwei Jahre später wechselte er in die höhere Klosterschule in Maulbronn, um danach sein Theologie- und Philosophiestudium in der Eliteschule der württembergischen Landeskirche zu beginnen. Diese pädagogische Einrichtung lag übrigens auch in einer Stadt am Neckar, wieder ein Stück flussabwärts. Seine Studentenbude teilte er sich zeitweise mit den späteren Philosophen Hegel und Schelling.
Schon in der Klosterschule hatte er begonnen, Gedichte zu schreiben. Seine Vorbilder waren Klopstock und Schiller. Und Schiller war es auch, der den jungen Dichter förderte und u.a. den Kontakt zum berühmten Verleger Johann Friedrich Cotta herstellte. 1797 erschien der erste Band seines Briefromans. Seine Gedichte allerdings erschienen nur sehr verstreut in der ein oder anderen literarischen Zeitschrift. Die Zeitgenossen hatten wenig Verständnis für seine Verse. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sein lyrisches Werk gebührend gewürdigt, wurde er zum Vorbild für viele Lyriker von Celan bis Rilke.
„Weh mir, wo nehm’ ich, wenn es Winter ist, die Blumen, und wo den Sonnenschein und Schatten der Erde?“
In einem Brief an seinen Freund Christian Ludwig Neuffer schrieb er 1798:
„Ich fürchte, das warme Leben in mir zu erkälten an der eiskalten Geschichte des Tags, und diese Furcht kommt daher, weil ich alles, was von Jugend auf Zerstörendes mich traf, empfindlicher als andre aufnahm und diese Empfindlichkeit scheint darin ihren Grund zu haben, dass ich im Verhältnis mit den Erfahrungen, die ich machen musste, nicht fest und unzerstörbar genug organisiert war. Das sehe ich. Kann es mir helfen, dass ich es sehe? Ich glaube, so viel. Weil ich zerstörbarer bin als mancher andre, so muss ich um so mehr den Dingen, die auf mich zerstörend wirken, einen Vorteil abzugewinnen suchen, ich muss sie nicht an sich, ich muss sie nur insofern nehmen, als sie meinem wahrsten Leben dienlich sind. Ich muss sie, wo ich sie finde, schon zum voraus als unentbehrlichen Stoff nehmen, ohne den mein Innigstes sich niemals völlig darstellen wird. Ich muss sie in mich aufnehmen, um sie gelegentlich (als Künstler, wenn ich einmal Künstler sein will und sein soll) als Schatten zum meinem Lichte aufzustellen, um sie als untergeordnete Töne wiederzugeben, unter denen der Ton meiner Seele um so lebendiger hervorspringt.“
In der ersten Hälfte seines Lebens gelang es ihm, den zerstörenden Dingen einen Vorteil abzugewinnen. Im Alter von 36 Jahren wurde er psychisch krank, lebte aber noch weitere 37 Jahre lang, von den Ärzten als unheilbar entlassen, am Ufer jenes Flusses, der ihn wie ein stiller Freund auf seinen wichtigsten Lebensstationen begleitet hatte.
Wie ist der Name des Dichters, dessen lyrisches Werk heute zu den Höhepunkten deutschsprachiger Dichtkunst zählt?
Wenn Sie hier klicken, bekommen Sie 3 Lösungsvorschläge









