Der Journalist und Autor Jörn Klare hat in seinem kürzlich erschienenen Buch "Was bin ich wert? Eine Preisermittlung" den wahrlich nicht einfachen Versuch unternommen, den Wert eines Menschenlebens zu ermitteln. Der Anlass, sich mit dieser Frage auseinander zu setzen, waren seine Recherchen zum Thema Menschenhandel. Außerdem sei er, so erzählt er in seinem ersten Kapitel, Zeuge eines Gespräches in der U-Bahn gewesen, in dem zwei jungen Männer über einen aktuellen Raubmord diskutierten. Der Täter hatte die, angesichts der tödlichen Konsequenzen der Tat, traurige Summe von 100 Euro erbeutet. Die Gesprächspartner sinnierten nun darüber, welche Geldsumme ihrer Meinung nach von Nöten wäre, um einen Mord nachvollziehen zu können. Für den einen waren es 10 000 Euro, für den anderen mindestens 100 000 Euro.
Wer bietet mehr? Der Autor ertappte sich dabei, dieses makabere Gedankenspiel mitzuspielen, verbot sich die Teilnahme daran zwar sofort wieder, kam aber dennoch von diesem Thema nicht mehr los. Das Ergebnis ist sein Versuch einer Preisermittlung, übrigens ein sehr lesenswertes Buch.
Kann man den Wert eines menschlichen Lebens überhaupt in Zahlen ausdrücken? Der gebildete Ottonormalbürger mit humanistischer Grundausbildung würde vermutlich behaupten, dass nein. Aber beispielsweise ein Auftragsmörder würde von Berufs wegen sagen, aber ja doch. Und eine Versicherungsgesellschaft würde vermutlich ohne zu zögern dem Auftragsmörder beipflichten.
Auf das makabere Betätigungsfeld des Auftragsmörders komme ich in diesem Zusammenhang deshalb, weil es in einer bekannten tragischen Komödie auch um einen Auftrag zum Mord geht. Eigentlich ist es nicht direkt ein Auftrag, sondern ein Angebot. Ein sehr provokantes Angebot. Es geht um Reichtum für eine ganze Stadt , aber nicht ohne Gegenleistung. Ein Mitglied der Gemeinde soll dafür sterben, damit anschließend die Millionen fließen und eine heruntergekommene Stadt und dessen arbeitlose und völlig desillusionierte Bürger saniert werden. Natürlich weist die Gemeinde dieses Angebot erst mal empört zurück. Nicht für alles Geld dieser Welt würden sie einen beliebten und anerkannten Bürger aus ihrer Mitte töten. Die Menschen haben sich also spontan dafür entschieden, dass ein Menschenleben nicht mit Geld aufzuwiegen ist.
Wäre die Geschichte an diesem Punkt zu Ende gewesen, wäre es keine tragische Komödie geworden.
Als die Bürger der Stadt aber den Grund für dieses Angebot erfahren, fängt die Versuchung an, in ihnen zu gären. Dieser besagte Mitbürger hatte vor Jahrzehnten ein Unrecht begangen und nun soll er dafür bestraft werden. Die Person, der damals das Unrecht widerfahren war, will sich mit diesem unmoralischen Angebot Gerechtigkeit erkaufen. Aber kann man Gerechtigkeit kaufen? Und ist Gerechtigkeit einen Mord wert?
Der Autor schrieb für die Erstausgabe folgendes über sein Stück: „(...) Es ist eine Gemeinde, die langsam der Versuchung nachgibt, wie der Lehrer, doch dieses Nachgeben muss begreiflich sein. Die Versuchung ist zu groß, die Armut ist zu bitter. Die (....) ist ein böses Stück, doch gerade deshalb darf es nicht böse, sondern muss aufs humanste wiedergegeben werden, mit Trauer, nicht mit Zorn, doch auch mit Humor, denn nichts schadet dieser Komödie, die tragisch endet, mehr als tierischer Ernst.“
Wie ist der Titel der tragischen Komödie, die 1956 in Zürich uraufgeführt wurde? Und wie heißt der Schriftsteller, der mit diesem Stück seinen Weltruhm als Bühnenautor begründete?
Literaturhinweis: Jörn Klare, Was bin ich wert? Eine Preisermittlung (Suhrkamp, 14,90 Euro)
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