„Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Thüre. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht!“
Ganz so dramatisch, wie es hier ein Augenzeuge bei der Uraufführung des Stückes erlebt hatte, waren die Zuschauerreaktionen kürzlich im Alten Schauspielhaus dann doch nicht. Die Reaktionen waren verhaltener. Das Stammpublikum war womöglich etwas überrascht (oder vor Schreck erstarrt) über den zeitweise enormen Radau, der auf der Bühne veranstaltet wurde, wenn die Gesetzlosen waffenrasselnd durch die Böhmischen Wälder tobten. Die zahlreichen Schüler, die, vielleicht tue ich ihnen jetzt unrecht, nicht ganz freiwillig einen nicht unbeträchtlichen Teil der Sitzplätze einnahmen, neigten dazu, an den unpassendesten Stellen zu kichern. Man kann sogar sagen, je dramatischer die Szene, desto mehr Gekicher. Irgendwie muss sich die innere Anspannung ja einen Weg nach außen suchen. Gekicher aus Langeweile war es sicher nicht, denn selbst für Teenager im schwierigsten Alter war das Stück bestimmt nicht langweilig (mit zweieinhalb Stunden Aufführungsdauer höchstens zu lang). Auch über zu wenig Action dürften sich die Zwangsverpflichteten nicht beklagt haben, denn durch den häufigen Szenenwechsel steigerten sich Tempo und Dramatik des Stückes stetig bis zum blutigen Finale.
Der Urheber des Schauspiels war selber noch ein Teenager und drückte die Schulbank, als er mit dem Schreiben an seinem ersten Stück begann. Und ihm ging es damals nicht anders als allen anderen Schülern nach ihm: er musste sich der Willkür der Lehrer und Erziehungsberechtigten unterordnen und fühlte sich dadurch in seiner Persönlichkeitsentfaltung eingeschränkt. Ein Gefühl, dass die auf den Rängen vor sich hin kichernden Schüler im Jahr 2008 sicher auch sehr gut nachvollziehen können. Denn hätten sie ihre Persönlichkeit uneingeschränkt entfalten dürfen, wären sie sicher nicht an einem Freitag Abend im Theater gesessen und hätten einem Klassiker der deutschen Literatur beigewohnt.
Insofern hat es schon etwas Ironisches an sich, wenn heutige Schüler mehr oder weniger genötigt werden, sich ein Theaterstück anzusehen, das ein Gleichaltriger vor ungefähr 230 Jahren verfasst hat und in dem er sich die Themen persönliche Freiheit und Würde des Menschen von der Seele schrieb.
Darüber könnte ich jetzt kichern. Die Schüler, die den Klassiker im Unterricht in seine Einzelteile zerlegen müssen, vermutlich nicht.
Der junge Dichter hatte sein erstes Bühnenstück auf eigene Kosten drucken lassen und es anonym veröffentlicht, weil sein gestrenger Landesvater nichts davon hielt, dass seine Elite-Eleven der Dichtkunst frönten und womöglich noch politisch motivierte Texte in Umlauf brachten. Die Uraufführung des Stückes fand dann auch nicht auf heimatlichen Bühnen statt, sondern in der benachbarten Markgrafschaft. Aber der Zorn seines obersten Dienstherrn traf ihn dennoch. Weil er ohne Erlaubnis über die Grenzen des Herzogtums gereist war, wurde er zu vierzehn Tagen Hausarrest verdonnert und, was ihn viel härter traf, mit einem Schreibverbot belegt.
Ihm blieb nichts anderes übrig, als Hals über Kopf aus seiner Heimat zu flüchten, um sich dem Einfluss seines Dienstherrn zu entziehen und weiter schreiben und veröffentlichen zu können. Was er zum Leidwesen von Generationen von Schülern dann auch fleißig und sehr erfolgreich tat.
Wie ist der Name des Dichters? Und wie heißt sein erstes Schauspiel, von dem er selber sagte, es habe ihn „Familie und Vaterland“ gekostet?
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