Viele Jahre ihres Lebens vermied die Verfasserin, irgend etwas über Sklaverei zu lesen, weil sie es zu schmerzlich fand, sich mit diesem Thema eingehender zu befassen, das sicherlich bald durch zunehmende Aufklärung und Zivilisation überwunden werden würde. Aber als sie durch das Gesetz von 1850 zu ihrem völligen Erstaunen erfuhr, dass christliche, humane Menschen tatsächlich die Auslieferung Flüchtiger in die Sklaverei als gute Bürgerpflicht empfahlen, als sie von allen Seiten hörte, wie gütige, teilnahmsvolle, respektable Leute in den freien Staaten des Nordens darüber berieten und diskutierten, was wohl ihre Christenpflicht in dieser Sache sei, da dachte sie nur: Diese Menschen können nicht wissen, was Sklaverei bedeutet, denn wüssten sie es, so könnten sie so eine Frage gar nicht erst in Erwägung ziehen (...).“
Das Gesetz, von dem hier die Rede ist, hatte die Gemüter einer ganzen Nation erregt. Mit dem Fugitive Slave Act sollte der sklavenfreie Norden der USA dazu verpflichtet werden, geflohene Sklaven an die sklavenhaltenden Südstaaten auszuliefern. Viele Nordstaatler weigerten sich nicht nur, das Gesetz zu befolgen, sondern halfen den Sklaven dabei, ins sichere Kanada weiter zu flüchten. Auf diese Weise spitzte sich die Konfrontation zwischen dem Norden und dem Süden immer weiter zu und führte schließlich zum Bürgerkrieg.
In diese konfliktbeladenen Zeit platzte die Veröffentlichung eines Buches ein wie eine Bombe. Die Autorin, bekennende Gegnerin der Sklaverei und tiefreligiös, hatte ihren Standpunkt zu dem Thema in einem Roman verarbeitet. Sie hatte sich bereits als junge Frau in ihrer Freizeit als Schriftstellerin betätigt und sah sich nun als überzeugte Christin in der Pflicht, über die unmenschlichen Bedingungen der Sklaverei zu schreiben. Leicht konnte ihr das nicht gefallen sein, denn sie hatte sieben Kinder großzuziehen und fragte sich, ob sie wohl das Recht hatte, „meine Gedanken zwischen ihnen und der Schriftstellerei zu teilen?“
Das Auslieferungsgesetz gab den entscheidenden Ausschlag. Gerade mal ein Jahr lang arbeitete sie an dem Roman, der für sie ein „Notschrei“ war, von dem sie hoffte, das er nicht „ungehört verklinge“.
Ganz im Gegenteil. Ihr Notschrei war nicht nur in ganz Amerika zu hören, sondern auch quer über den Atlantik bis nach Europa. Der Roman löste enorme Reaktionen aus. Die Sklavenbefürworter waren selbstredend wenig begeistert und attackierten die Autorin, einige unter ihnen ließen sich in den kommenden Jahren sogar zu Anti-Romanen hinreißen. Dies tat dem Erfolg des Buches allerdings keinen Abbruch, denn es millionenfach verkauft und ein internationaler Bestseller. Allein in England verkauften sich im Erscheinungsjahr eine Millionen Exemplare. Übersetzungen in sieben europäische Sprachen folgten. Die Reaktionen aus Europa waren durchweg positiv, nicht nur in politischer, sondern auch in literarischer Hinsicht. Die französische Schriftstellerin George Sand nannte ihre amerikanische Kollegin eine Heilige. Tolstoi verglich den Roman mit Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus und Heinrich Heine wagte sogar den Vergleich mit der Bibel.
Die Autorin wurde berühmt. Man lud sie nach Europa ein, sie ging quasi auf Lesereise, sogar von Queen Viktoria wurde sie empfangen. Nach ihrem Bestseller schrieb sie noch dreißig weitere Werke und engagierte sich u.a. für das Frauenwahlrecht.
Präsident Abraham Lincoln soll einmal zu ihr gesagt haben: „Sie sind also die kleine Frau, die das Buch geschrieben hat, das diesen großen Krieg auslöste.“
Diese „kleine Frau“ also, Mutter von sieben Kindern, hatte einen Roman geschrieben, der an das Gewissen einer ganzen Nation appellierte. Ein Appell, der heftige politische Reaktionen in der Gesellschaft auslöste, die letztendlich zum Bürgerkrieg und zur offiziellen Abschaffung der Sklaverei führten. Ein wunderbares Beispiel dafür, dass Literatur auch Berge versetzen kann.
Wie heißt die Autorin, die den politisch einflussreichsten Roman in der Geschichte der amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts schrieb?
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