Das Theaterstück, das ich kürzlich gesehen habe, nennt sich offiziell eine Tragikomödie. Nachdem ich mich vorher über den Inhalt des Stückes schlau gemacht hatte, war ich doch ein bisschen gespannt darauf, wo der Autor denn den komischen Teil versteckt haben könnte. Die Geschichte um eine nicht mehr ganz junge Frau, die ihr Kind kurz nach der Geburt verloren hatte und jetzt in der unfreiwilligen Schwangerschaft eines polnischen Dienstmädchens ihre zweite Chance auf Mutterglück sieht und der Unglücklichen das Baby abkaufen will, klingt eher traurig. Und ist es auch. Denn die leibliche Mutter überlegt es sich kurz nach der Geburt doch noch anders und will ihr Kind zurückhaben. Aus schierer Verzweiflung stiftet die Ältere ihren kriminellen Bruder an, der Polin zu drohen, damit sie von ihrer Forderung absieht. Der aber nimmt seine Aufgabe zu ernst und bringt die junge Frau um. Am Ende des Stückes sind zwei Tote zu beklagen, denn die sich so verzweifelt nach Mutterglück Sehnende nimmt sich das Leben.
Anlass zum Schmunzeln war für mich da eigentlich nur der Berliner Dialekt, dem die Figuren aus dem Arbeitermilieu heftigst frönten. Das Stück spielt Ende des 19. Jahrhunderts in einer ehemaligen Berliner Kaserne, die damals von zahlreichen Familien bewohnt wurde und im Volksmund „Wanzenburg“ jenannt wurde. Je einfacher die Herkunft der Menschen, desto stärker der Dialekt.
Der komische Teil der Tragödie entsteht aber nicht durch den Dialekt, sondern durch den fast parallel verlaufenden zweiten Handlungsstrang, der satirisch überspitzt mit den Sorgen und Nöten des Bürgertums spielt, die im Vergleich zu den Lebensumständen im Arbeitermilieu fast schon grotesk wirken. Wenn der Theaterdirektor auf dem Dachboden der Mietskaserne heimlich seine Geliebte empfängt und ihm die Libido zu Kopfe steigt; wenn ein junger Pfarrerssohn sich gegen die vom Vater vorgesehene Karriere als Theologe entscheidet und Schauspieler werden will – dann lässt das die existentiellen Sorgen der einfachen Leute in der Mietskaserne noch deutlicher werden. Auf dem Dachboden die Komödie, eine Etage tiefer die Tragödie.
Der Dichter schrieb über sein Stück:
„Die Idee des Dramas bestand aus dem Gegensatz zweier Welten und hatte diese Welten zum Ausgangsgrund. (...) Sie haben im Allgemeinen manche, im Besonderen wenig Berührungen. So ist es am Anfang, so bleibt es zum Schluss. Allerhand Verflechtungen indessen, mechanisch und ideell, bringt ihnen unbewusst das Schicksal in ihre Beziehungen, und diese Verflechtungen und das Unbewusste dieser Verflechtungen stellen gleichnisweise etwas von dem tragikomischen Gehalt des blinden menschlichen Daseins dar.“
Der Autor war sehr vielseitig, hat insgesamt 47 Stücke, Novellen und Erzählungen und mehrere Romane geschrieben und wurde bereits im Alter von fünfzig Jahren mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Weltberühmt wurde er durch ein Theaterstück, das für großen Wirbel sorgte, weil es so viel sozialen Sprengstoff enthielt, dass der Dramatiker durch seine Anwälte erklären lassen musste, dass das Drama als „dichterischer Aufruf an das Mitleid der Besitzenden zu verstehen sei“ und nicht als „sozialdemokratische Parteischrift“. Nur so war eine Inszenierung am Deutschen Theater möglich. Der damalige Kaiser Wilhelm II. war allerdings not amused und sah sich veranlasst, daraufhin sein Theaterabo am Deutschen Theater zu kündigen. Macht nüscht, war wieder eine Loge frei.
Wie ist der Name des Dichters, der zu den repräsentativsten Vertretern des Naturalismus zählt und dessen Todestag sich dieses Jahr zum 65mal jährt? Und wie heißt seine Tragikomödie in fünf Akten?
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